Für die kleine Sophie fingen nun harte Zeiten an. Die Oberin nahm die Erziehung des wilden Karrnerkindes selbst in die Hand und verdarb mit ihrer Strenge alles, was die alte Schwester Salesia durch Güte und milde Nachsicht aufgebaut hatte ...
Eine Zeitlang ging Sophie im Kloster umher mit geducktem Köpfchen und unglückselig wie ein verprügeltes armes Tier. Und doch waren es nur Worte, die diese Änderung hervorbrachten. Das Kind hatte keine Strafe und keine Züchtigung im Kloster erfahren. Aber mit eiserner Konsequenz bestand die Oberin darauf, daß ihre Befehle genau durchgeführt wurden. Mit Worten und nur mit Worten allein erreichte sie es, daß das Kind sich vorkam wie ein junger, armseliger Kettenhund, der schwer und keuchend an seiner Fessel zerrte.
Je mehr die Tage dem Frühjahr entgegen gingen, desto drückender empfand die Sophie das Leben im Kloster. Und als einmal die Ennemoserin kam, um Nachschau zu halten, da fing das kleine Mädel laut zu weinen an und bat, die Frau möchte sie doch mitnehmen. Hinaus aus dem Kloster, in die Freiheit. Es brauchte viel gutes Zureden, um das Kind zu beschwichtigen.
Am gleichen Abend jedoch hatte die Schwester Salesia noch eine Unterredung mit der Oberin.
Diese beiden Frauen waren sich nie nahe gekommen trotz der engen Gemeinsamkeit, in der sie lebten. Sie waren zu grundverschieden voneinander. Ernste Reibungen hatten aber auch nie stattgefunden.
Nur selten kam die Schwester Salesia jetzt mit ihrem Liebling zusammen. Denn Sophie war ihr Liebling geworden. Da machte sie kein Hehl daraus. Wenn sie das Kind jetzt sah, so bemerkte sie deutlich die Wandlung, die mit dem Mädchen vorgegangen war. Sie sah, wie das Mädel den kleinen Kopf senkte und die lebhaften Augen in einem unnatürlichen Zwang zu Boden schlug. Und in dem guten alten Herzen der Schwester regte sich der Zorn. Sie mußte öfters an sich halten, sonst hätte sie der Oberin ernstliche Vorwürfe gemacht.
An jenem Abend nach dem Besuch der Ennemoserin konnte die Schwester sich nicht mehr überwinden. Vor dem Schlafengehen war’s, als die frommen Frauen gerade von der Abendandacht aus der Kirche kamen. Die Schwester Salesia war als Sakristanin die letzte in der Kirche und hatte diese abzuschließen.
Das tat sie jeden Abend. Mit einer behaglichen Ruhe schlürfte sie durch den weiten Kirchengang, füllte das Öl ein in die rote Ampel vor dem Hochaltar und überdeckte den Altar noch vorsichtig mit einer schön gestickten, prunkvollen Decke. Das tat sie alles mit viel Umständlichkeit und Ruhe und schöpfte dabei mehr und tiefer Atem, als es trotz ihres asthmatischen Zustandes notwendig gewesen wäre.
Heute aber verrichtete die Schwester ihre kleine Pflicht mit einer Art nervöser Hast. Vorne im Chorstuhl bei dem Hochaltar kniete die Oberin und betete. Es war schon ganz dunkel in dem hohen Raum. Und nur der matte rote Schimmer des ewigen Lichtes ließ die Gegenstände in nächster Nähe undeutlich erkennen. Die weißen Hauben der beiden Frauen sahen wie riesige, gespenstige, weiße Fliegen aus. Die schlürfenden Schritte der alten Schwester hallten wider in der heiligen Stille des Gotteshauses.
Hin und her wanderte die Schwester und rasselte dann umständlich mit dem Schlüsselbund. Das harte, knarrende Geräusch der Schlüssel störte mißtönig die Stille und machte die Oberin aufschauen aus ihrer Andacht. Langsam erhob sie sich, schritt vor die Stufen des Hochaltars und kniete dort nochmals zu kurzem Gebet nieder.