Die Glocke der Turmuhr schlug die neunte Stunde. So schnell sie konnte, durcheilte die Schwester Salesia den Kirchenraum und wartete in der Nähe des Altars am Eingang zur Sakristei auf die Oberin.
In der Sakristei trafen die beiden Frauen zusammen. Mit kurzem Gruß, wie sie das stets zu tun pflegte, wollte die Oberin an der Schwester vorbeigehen. Aber Schwester Salesia griff nach ihrer Hand und bat mit leiser Stimme: „Auf an Augenblick, Schwester Oberin. Ich hab’ mit Ihnen z’reden!“
Sie waren aus der Sakristei in den gedeckten Klostergang getreten, der das alte Frauenkloster zu Mariathal mit der Kirche verbindet. Die Schwester Salesia verschloß nun auch die von der Sakristei nach dem Gang führende Tür, nachdem sie früher die Pforte von der Kirche zur Sakristei sorgfältig versperrt hatte.
Langsam schritten die beiden Frauen durch den dunklen Gang. Die alte Schwester hatte eine kleine Laterne angezündet, deren matter Schein nur spärlich in das tiefe Dunkel des engen, langen Ganges leuchtete. Die Holzdielen krachten unheimlich unter den sonst fast lautlosen Tritten der Frauen.
„Schwester Oberin ...“ begann die alte Schwester mit flüsternder Stimme ... „tuan’s mir’s nit verübeln, daß i no mit Ihnen reden möcht’.“
Die strengen Regeln des Klosters forderten es, daß nach der Abendandacht nichts mehr gesprochen wurde. Nur im Falle dringender Notwendigkeit war das Sprechen im leisen Flüstertone erlaubt.
Die Oberin hielt unnachsichtig an dieser Regel fest. Mit einem verwunderten, etwas unwilligen Blick sah sie auf die Schwester.
„Ich muß heut’ no mit Ihnen reden!“ fuhr die Schwester Salesia fort. „Es laßt mir koa Ruah nit. Ich hab’s schon immer tun wollen, aber ich hab’ mir no nie recht getraut.“
Nun schaute die Oberin ehrlich erstaunt auf die Schwester.
„Es ist wegen der Sophie ...“ sagte die Schwester Salesia mit Nachdruck. „Das Mädel ist ganz verändert. Es ist nit recht, wie Sie sie einzwängen tun!“