„Ich die Sophie einzwängen?“ frug die Oberin verwundert.

„Ja ... einzwängen tun Sie’s!“ behauptete die alte Schwester in unwilligem Tone. „Sie meinen’s nit so. Ich weiß es. Aber Sie verstehen die Kinder nit! Haben’s nit g’sehen heut’, wie sie g’weint hat? So ein Kind, das an Freiheit g’wöhnt ist, das darf man nit mit Gewalt zurückhalten. Das ist wie ein junges freies Waldtierl, wie ein Vogerl, das no nit im Käfig war. Sie müssen ihr z’erst beibringen, daß ihr der Käfig g’fallt. Sonst ist’s g’fehlt!“

Ohne sie mit einer Silbe zu unterbrechen, hörte die Oberin die Schwester an. Dann sagte sie mit beinahe schüchterner Stimme: „Glauben Sie, daß die Sophie tatsächlich so unglücklich ist, wie sie sich heute gebärdet hat? Die Kinder haben Launen, ich kenne das. Man darf da nicht nachgeben!“ meinte sie überlegend.

Schwester Salesia stellte die kleine Laterne, die sie noch immer in der Hand trug, auf den Fußboden, richtete sich leise ächzend, wie es ihre Art war, wieder empor und stemmte eine Hand in die unförmliche, dicke Hüfte. Dann sagte sie mit etwas lauterer Stimme als bisher: „Schauen’s die Sophie an, Schwester Oberin ... wie die eingangen ist. Für der ihre Art ist Strenge nix. Da richten Sie nix aus damit. Das können’s mir glauben!“

Die Oberin sah nachdenklich vor sich hin.

„Sie ist ein verstocktes Kind!“ meinte sie dann sinnend. „Man wird nit klug aus ihr. Ich glaub’, sie ist verschlagen und sittenlos!“

„Naa! Schwester Oberin, das ist sie nit!“ sagte die Schwester Salesia in so lautem, überzeugtem Ton, daß die Oberin ängstlich abwehrte ...: „Pst! Silentium!“

„Ja! Weil’s wahr ist!“ knurrte Schwester Salesia mit leiser Stimme. „Sie kennen das Mädel nit und kennen die Welt nit. Aber ich kenn’ sie, und Sie dürfen mir’s glauben, das Karrnerkind, das das Leben von der schlechtesten Seite g’sehen hat, ist trotzdem so rein und unschuldig geblieben wie Ihnere wohlbehüteten und verhätschelten Poppelen da herinnen, die glei’ versagen, wenn sie ihre Nasen in die Welt außi stecken. Weil das keine rechte Art ist, wie Sie die Mädeln erziehen. Weil Sie ihnen alles verheimlichen tun und ihnen nur vom Satan und vom ...“

„Schwester Salesia!“ unterbrach sie die Oberin strenge. „Es ziemt Ihnen nicht, mich zu unterweisen!“ Mit einem kalten, strafenden Blick sah sie auf die Schwester, die ganz klein und noch kugeliger zu werden schien.

Die alte Schwester schaute unsicher zu der hohen, schlanken Frauengestalt empor. „Sie haben recht!“ stimmte sie dann bei. „Es nutzt doch nix. Sie und ich, Schwester Oberin, wir zwei werden uns doch nit verstehen.“