„Ist auch gar nicht notwendig, Schwester!“ gab die Oberin mit kaltem Tone zur Antwort. Und kurz grüßend ging sie mit fast lautlosen Schritten durch den dunkeln Klostergang. — — —

Ein Gutes hatte diese nächtliche Unterredung trotzdem gebracht. Die Oberin überließ von jetzt ab die Sophie Zöttl wieder dem ganz besonderen Schutz der Schwester Salesia. Das Kind durfte wie vordem der Schwester bei der Arbeit helfen. Sie durfte viel im Garten sein und dort die Blumen und schmalen Gemüsebeete pflegen.

Und doch war Sophie eine andere geworden. Sie freute sich über die neugewonnene Freiheit, aber sie sehnte sich mit der ganzen Kraft ihres jungen Herzens hinaus aus dem Kloster. Hinaus in die ungebundene, unbeschränkte, vollkommene Freiheit.

Schwester Salesia sah diese Veränderung, die mit dem Kinde vorging, mit geheimer Angst. Und sie war doppelt lieb und gut zu dem Kinde.

„Schwester, warum darf i nit aus dem Garten gehen?“ fragte Sophie einmal, als sie beide zwischen den Beeten knieten und Unkraut jäteten. „Da drüben hinter der Friedhofmauer, da ist der Buchenwald so dicht. Ganz dunkel ist’s, weil die Blätter alle so goldig sind. Und so still ist’s da. Stiller wie in der Kirch’n drinnen. I möcht’ spielen in dem Wald!“

Mit sehnsüchtigen Augen schaute das kleine Mädel hinüber, wo der herrliche Buchenwald sich aufbaute, der hinter der Kirche von Mariathal sich noch viele Stunden den Berg hinan und taleinwärts erstreckt.

Das Mädchen erhob sich, dehnte und reckte ihre Glieder wie eine geschmeidige junge Katze und breitete die dünnen braunen Arme aus. Dann stellte sie sich auf die Fußspitzen und hob neugierig den schlanken Hals, als wollte sie so viel wie möglich von den verborgenen Schönheiten da draußen entdecken.

„Was möchtest denn spielen im Wald da?“ frug die Schwester sie über eine Weile.

„I?“ Das Mädel dachte nach. „I ... auf die Bäum’ tät’ i kraxeln und schauen, daß i ein Eichkatzel erwischen tät’. Oder i tät’ einmal probieren, ob i noch was kann von meiner Kunst, und tät’ a Vorstellung geben!“

„A Vorstellung den Eichkatzeln und den Vogerln im Wald, ha?“ frug die Schwester mit gutmütigem Spott. „Die werden aber viel verstehen vom Seiltanzen!“