Je länger die Tage wurden und je kürzer und schwüler die Nächte, desto mehr trieb es das Kind hinaus in den Wald. Sie vergaß Zeit und Ordnung und überwand oftmals den nagenden Hunger oder nährte sich von den Beeren des Waldes.

Einmal, da hatte sich die Sophie weit hinaus ins Inntal gewagt. Sie war durch den Buchenwald gewandert mit flüchtigen Schritten, an dem Berg hinan und hinüber zu den drei Seen, die auf hügeligem Vorland eingebettet lagen, umgeben von Wäldern und anstrebenden Felswänden.

Wie ein verzaubertes Land, so herrlich schön kam dem Kinde diese Gegend vor. Es war ihr, als ginge sie gleich einem jener Märchenkinder, von denen die Schwester Salesia so schön zu erzählen wußte, in einem Paradiesgarten spazieren.

Still und ruhig lag das tiefe, grüne Wasser des klaren Bergsees. Es war ein herrlicher, klarer Hochsommertag. Schwül und heiß brütete die Sonne. Weit breitete sich das Inntal vor den Augen des Kindes, das wie im Traume wandelnd immer höher und höher stieg, bis die Nacht sich senkte.

Da suchte sich das Karrnerkind furchtlos und ohne Zagen sein Lager im weichen Moos unter einer Kiefer und schlief süß und traumlos, bis die ersten goldenen Morgenstrahlen sie weckten. Sie fühlte sich so frank und frei, so glückselig hier in Gottes weiter Welt. Und es kam ihr vor, als hätte sie noch nie im Leben einen so erquickenden Schlaf gehabt.

Vergessen war das Kloster in Mariathal mit seinen Regeln und Vorschriften und vergessen die Oberin mit dem ernsten, strengen Gesicht. Auch an die alte Schwester Salesia dachte Sophie jetzt kaum. Sie fühlte nur den einen großen Trieb in sich ... frei zu sein und zu wandern, so lange sie wollte und wohin sie wollte.

Erst nach einigen Tagen kehrte Sophie ins Kloster zurück. Sie tat es ungern, und es war lediglich eine Art Pflichtgefühl gegen die Schwester Salesia, das sie nochmals die Mauern des Klosters betreten hieß.

Innerlich beneidete sie jetzt die freien Kinder der Karrner. Wie schön hatten es die doch. Ihr altes Karrnerheim, die Mutter, die wilde Horde der Geschwister und Schips, der Hund, ja sogar der Gaudenz Keil, alle diese vertrauten Gestalten, die ihrem Gedächtnis allmählich entschwunden waren, tauchten nun wieder in ihrer Erinnerung frisch und lebensvoll auf. Sie beneidete ihre Geschwister ihrer Freiheit wegen.

Hätte es der Zufall gefügt, daß ihr in dieser Stimmung der Gaudenz Keil gerade begegnet wäre, die Sophie hätte sich ihm mit tausend Freuden wieder angeschlossen. In dem großen Drange nach Ungebundenheit vergaß sie alle Leiden ihrer Kindheit, oder sie erschienen ihr unbedeutend und nichtig.

Es brauchte viel gutes Zureden von seiten der Schwester Salesia, daß sich die Oberin noch einmal entschloß, die kleine Ausreißerin in Gnaden aufzunehmen. Aber von jener Stunde an übernahm sie wieder selbst mit fester Hand die Erziehung des Kindes. Sie fand, daß Güte und Nachsicht nicht geeignet seien, den wilden Sinn des Karrnermädels zu zähmen.