Und nun bekam Sophie die ganze Strenge und den eisernen Willen dieser Frau zu fühlen. Sie lernte es, sich zu fügen und sich zu beugen. Sie lernte, einem einzigen Blick aus den Augen dieser Frau zu gehorchen. Und sie lernte es, sich dankbar zu erweisen für ein Leben, das sie innerlich von Tag zu Tag mehr und mehr verabscheute. — — —
Abermals zog der Winter ins Land. Und die gleichförmigen Wintertage im Kloster wollten für Sophie kein Ende nehmen. Ein Tag schlich dahin wie der andere. Ereignislos, ohne Freude und ohne Glück. Und manchmal hatte Sophie das Gefühl, als müsse sie wie ein junges Raubtier an den eisernen Stäben ihres Käfigs rütteln.
Sophie Zöttl war ein hoch aufgeschossenes Mädel geworden, mit linkischen Bewegungen und eckigen Schultern. Ihr braunes Gesichtel hatte einen verschlossenen Ausdruck. Und die Augen bekamen jetzt immer mehr den heimtückischen, lauernden Blick der kleinen Karrnerin von ehedem. Sophie Zöttl haßte nun alles im Kloster. Sie haßte die Unterrichtsstunden und die Tageseinteilung. Sie haßte die Gegenstände und die Räume des Klosters. Und sie haßte die Menschen da drinnen und sogar die Schwester Salesia. Diese und die Ennemoserin machte sie dafür verantwortlich, daß sie noch immer im Kloster bleiben mußte. Und sie wollte nicht mehr bleiben. Um keinen Preis.
Alles Bitten half nichts. Die Ennemoserin und die Schwester Salesia waren sich darüber einig, daß der Charakter des jungen Mädchens erst im Kloster gefestigt werden mußte, bevor man sie den Gefahren der großen Welt aussetzen konnte.
Als Sophie sah, daß alles Bitten und Flehen vergebens war, wurde sie immer heimtückischer und verschlagener. Sie sann auf Mittel und Wege, alle im Kloster zu ärgern, wo sie nur konnte. Sie log und naschte und war widerspenstig bei jedem Gebot, wenn es nicht unmittelbar von der Oberin kam. Denn vor dieser hatte sie noch immer eine Art Respekt. Eine Scheu, ähnlich derjenigen, die sie früher vor der rohen Kraft des Gaudenz Keil besaß.
So wurde Sophie immer mehr zum Sorgenkind des Klosters. Es war, als ob alle edlen Instinkte, welche die alte Schwester durch ihre Herzensgüte wachgerufen hatte, mit einem Male vernichtet worden wären.
Je eigensinniger die Sophie wurde, desto härter und strenger wurde die Oberin. Sie wollte und konnte es nicht glauben, daß ihre Erziehung nur schlechte Früchte trug. Sie griff zu harten Strafen und erreichte damit, daß der Haß in dem Herzen des Kindes immer mächtiger aufloderte.
Mit der Zeit artete das Verhältnis zwischen der Oberin und dem Karrnermädel zu einem deutlichen stummen Kampfe aus. Sophie war bestrebt, alle Schlechtigkeiten zu begehen, die sie nur ersinnen konnte. Und das nur zu dem einen Zweck, die Oberin zu ärgern. Sie zerstörte sogar die Treibhausblumen für die Kirche und dachte gar nicht daran, daß sie dadurch die Schwester Salesia am meisten kränkte. Denn die Blumen waren ja die Pflegekinder und auserkornen Lieblinge der alten Schwester.
Im Frühjahr war’s, da fing die Sophie heimlich draußen im Garten eine Blindschleiche, tötete sie und legte das kalte Reptil der jungen Klosterschwester, welche die Aufsicht im Schlafsaal hatte, ins Bett. Es war dieselbe Schwester, die das Karrnermädel damals an ihrem ersten Abend im Kloster beten gelehrt hatte. Und Sophie hatte ihr auch stets eine Zuneigung bewahrt. Sie überlegte nicht, daß ihr toller Streich der Schwester Schaden bringen konnte, sondern malte sich in ihrer boshaften Rachsucht nur den Eindruck aus, den die Sache auf die Oberin machen würde.
Der Eindruck war übel genug, denn die junge Schwester trug einen solchen Schrecken davon, daß sie einige Tage hindurch krank in heftigem Fieber lag. Öffentlich wurde Sophie von der Oberin als die Schuldige gebrandmarkt. Mit kleinen, boshaft schielenden Augen, aus denen nur Haß und Abneigung sprachen, schaute das Mädel auf die hochgewachsene, schlanke Frau.