„Und du wirst doch niedergezwungen werden, Sophie Zöttl!“ sprach die Oberin mit fester Stimme. „Und wirst gehorchen und dich beugen, wie wir es alle tun!“ Es lag ein unerschütterlicher Wille in diesen Worten. Sie fühlte es selber, daß es ein langer und schwerer Kampf zwischen ihr und dem Mädel werden würde.
Die Oberin sollte diesen Kampf dann schließlich doch verlieren. Aus freien Stücken gab sie ihn auf. Das geschah, als Sophie durch ihre Streiche das Maß ihrer Sünden voll gemacht hatte.
In einem Anfall von beinahe teuflischer Bosheit schlich Sophie Zöttl in den Schlafsaal, wo das große Madonnenbild hing. Dort rückte sie sich einen Stuhl zurecht, holte einen Bleistift und zeichnete in das zarte, verklärte Antlitz der Gottesmutter einen großmächtigen Schnurrbart.
Als abends die Kinder den Saal betraten, sahen sie das entstellte Bild. Keines der Mädchen verzog eine Miene. Stumm und starr vor Entsetzen umstanden sie das entweihte Heiligtum.
Die junge Klosterschwester nahm Sophie wortlos bei der Hand und führte sie zur Oberin. Ohne zu fragen, wußten es alle im Saal, daß nur Sophie die Täterin gewesen sein konnte.
In dieser Nacht mußte Sophie ganz allein in einer Zelle schlafen. Sie schlief schlecht, und trotzdem träumte sie einen kurzen, schönen Traum von Freiheit und Glück.
Tags darauf ließ die Oberin die Ennemoserin zu sich rufen, und wortlos, ohne Abschied übergab sie das Karrnermädel der Frau.
Mit gesenktem Kopf und doch innerlich jubelnd folgte Sophie Zöttl der Ennemoserin in ihr kleines Heim nach Rattenberg.