Der Ennemoserin war es anfangs schwer gefallen, ihr einsames Häusel mit dem fremden Mädel zu teilen. Der lange Schmied, welcher der Vormund der Sophie war, hatte der Frau geraten, das Mädel zu einem Bauern als Magd zu verdingen.
„Wirst di lang plagen, Ennemoserin!“ sagte er. „Tua sie zu an Bauern, und guat ist’s. Hat sie ihr Essen und ihr G’wand, und du hast dei’ Ruah! Hättest dir’s nit sollen aufladen die Plag’.“
Davon aber wollte die Ennemoserin nichts wissen. Hatte sie A gesagt, so wollte sie B auch sagen. Dieses wilde Karrnermädel jetzt allein auf eigene Füße zu stellen, das wäre ihr als ein Verbrechen an dem Kinde erschienen ...
Es war schon geraume Zeit her, seit das Häusel draußen am Stadteingang junges, frohes Leben gesehen hatte. Fast zu lebhaft war es damals zugegangen in dem baufälligen Bauernhäuschen, das teilweise in den steil emporragenden Felsen des Rattenberger Schloßberges eingebaut war.
Wie ein kleines Räubernest im bäuerlichen Stil, so lebte das einstöckige, schmale Haus an dem schroff vorspringenden Felsen. Das windschiefe Schindeldach war mit großen Steinen beschwert, an denen schon vielfach das Moos wucherte.
Kleine, blitzblank geputzte Fensterscheiben grüßten aus dem alten Gemäuer. Vor den Fenstern prunkte als auffallender Schmuck ein herrlicher Blumenflor von dunkelroten Geranien und herabhängenden vollen, bauchigen Nelken in allen Farben. Es war eine wirkliche Lust, diesen Blumenflor zu sehen, und die Ennemoserin war auf ihn fast ebenso stolz wie auf ihre Kinder.
Drei Kinder hatte die Ennemoserin gehabt, und alle drei hatte sie verlieren müssen. Zwei Buben von zwölf und vierzehn Jahren und ein kleines, zartes, blondes Diandl.
Große, starke Jungen waren die Buben, die im kühnen Übermut ihre jungen Kräfte messen wollten mit dem breiten Bergfluß. Der war aber ein heimtückischer Geselle und liebte es nicht, daß man seine Wellen zu Spielgenossen machte.
Oft waren die Buben schon mit einem Kahn den Inn entlang gerudert, allen Mahnungen und Bitten der Mutter zum Trotz, die sie vor der Gefahr eindringlich warnte. Sie hörten nicht auf sie, bis dann das Unglück kam.
Eine mondhelle, schöne Sommernacht war’s, da trieb ein leerer Kahn vom Oberland kommend innabwärts. Die Leichen der beiden Knaben wurden erst viele Wochen später draußen im Bayrischen angeschwemmt.