Seit jener Zeit war die Ennemoserin trübsinnig geworden. Die Leute sagten, sie sei halb verrückt, weil sie sich zurückzog vor ihnen und ihr Leid einsam trug.
Die Ennemoserin hatte wenig Glück gekannt im Leben. Ihr Mann war früh gestorben, und sie konnte nicht einmal recht trauern um ihn. Die wenigen Jahre, die sie zusammen lebten, waren für das Weib ein Martyrium gewesen.
Jetzt blieb ihr nur noch ein Glück und eine Hoffnung auf dieser Welt, ihr jüngstes Kind, das Roserl. Ein blondhaariges Diandl mit braunen Glutaugen und einem sonnigen, strahlenden Gesichtel, das nur zum Glück geschaffen schien.
Das Roserl wuchs heran, von der Mutter gehegt und gepflegt wie ein duftender Nelkenstock aus dem Blumenflor der Ennemoserin.
Die Leute in Rattenberg und in der nächsten Umgebung hatten ihre Freude an dem hübschen Roserl von der Ennemoserin. Und die Burschen schauten sich ganz besonders gerne nach ihr um, wenn sie mit leichten, zierlichen Schritten durch die Hauptstraße und durch die Gäßchen der Stadt ging.
Die Ennemoserin war keine wohlhabende Frau. Als das Roserl heranwuchs, mußte sie daran denken, ihr Mädel irgendwie gut zu versorgen. Und weil sie sich nicht gerne auf längere Zeit von ihrem Mädel trennen mochte, so gab sie das Roserl nach Kufstein hinunter zu einer Schneiderin. Dort sollte sie das Handwerk lernen und dann wieder zur Mutter ziehen.
Dem Roserl gefiel es gut in Kufstein. Nur zu gut. Die Leute in Rattenberg fingen bald an, über sie zu schwatzen. Als der Klatsch zu den Ohren der Mutter drang, war’s für das Mädel zu spät.
Die Ennemoserin machte sich auf den Weg nach Kufstein, um ihr Kind wieder heimzuholen. Sie kam aber ohne das Mädel zurück, und niemand erfuhr, was zwischen Mutter und Tochter vorgefallen war. Die Ennemoserin trug ihren Kopf gerade und aufrecht und verbiß ihren Kummer. Sprach selten ein Wort mit den Leuten. Und die gaben’s bald ganz auf, sie über das Roserl auszuforschen.
Aber Kufstein und Rattenberg sind nicht allzu weit voneinander entfernt, und üble Kunde findet ihren Weg gar schnell. Man erzählte sich in Rattenberg, daß das Roserl immer tiefer und tiefer sank, und man prophezeite, daß sie einmal übel enden werde.
Das dauerte so eine Weile. Dann verschwand das Roserl aus der kleinen Grenzstadt, und es vergingen Jahre, ehe man wieder von ihr hörte. Eines Tages erzählte jemand, der in Wien gelebt hatte, daß er das Roserl von der Ennemoserin dort getroffen habe. Und was er von ihr zu erzählen wußte, war schlimmer, als wenn er von ihrem Tod berichtet hätte.