Die Ennemoserin war eine fromme Frau geworden. Bei allen Gottesdiensten, die in der Pfarrkirche abgehalten wurden, war sie anwesend. Sie betete länger als die andern Frauen der Stadt und hielt sich am liebsten in den Kirchen auf.

Es gab niemand in Rattenberg, der sie für eine Betschwester gehalten hätte; und freche Neugierde wich gar bald der Achtung vor dem einsamen Schmerz dieser Frau.

Die Ennemoserin tat Gutes, wo sie konnte. Nach ihren Kräften und nur um Gotteslohn. In ihrem Herzen war ein starkes Gottvertrauen, der feste Glaube, daß Gott ihr Tun und Handeln als ein Opfer und eine Sühne annehmen werde für das sündhafte Leben ihres Kindes. Und nur um Gott eine Seele zuzuführen, hatte sie sich des Karrnermädels angenommen und vertrat jetzt die Stelle einer Mutter an ihr.

Neues junges Leben zog wieder ein in dem blumengeschmückten Berghäusel vor dem Stadteingang. Und die Blumen vor den Fenstern blühten noch schöner und üppiger, da Sophie sie so gut zu pflegen verstand.

Die Sophie fühlte sich bald heimisch bei der Ennemoserin. Ihr widerspenstiges, trotziges Wesen hatte sie abgelegt und war nur mehr sonnige Heiterkeit und frohe Lebenslust. Was sie erreichen wollte, das hatte sie jetzt erreicht. In Freiheit zu leben und ohne Zwang und Fesseln. Und wenn auch die Ennemoserin schweigsam war und am liebsten ihre eigenen Wege ging, so machte das dem Mädel gar nichts aus.

Sie war froh über ihr neues Dasein, und ein Gefühl echter, warmer Dankbarkeit gegen die Frau beseelte sie. Sie wollte ihr Freude machen und brachte es bald in der Schule so weit, daß sie zu den besten Schülerinnen zählte. Daheim half sie der Ennemoserin mit flinken, geschickten Händen bei der Hausarbeit, so daß ihre Pflegemutter bald ganz entlastet war. Sie hatte keine Klage über das Mädel und gewann sie von Tag zu Tag lieber.

So lebten sich diese beiden ungleichen Menschen rasch zusammen ein. Aber sie wurden nie so recht vertraut miteinander. Das herzliche Verhältnis, das die Schwester Salesia und das Karrnerkind verbunden hatte, fehlte bei ihnen.

Manchmal trieb es das Mädel doch hinüber zu der alten Schwester nach Mariathal. Dann erzählte sie der Schwester wie in früheren Zeiten von ihrem ganzen Tun und Treiben. Und ganz so wie ehedem fand die Schwester wieder die richtigen Worte und das wahre Verständnis für das Mädel.

Mit vielen guten Ermahnungen von seiten der Schwester Salesia kam die Sophie jedesmal nach Hause. Das kleine Heim war ihr dann doppelt lieb und wert. Wie in einem Paradies von Freiheit und Glück kam sie sich drinnen vor. Die Schwester Salesia meinte einmal lachend zu ihr, daß sie wohl hauptsächlich nur deshalb so gerne nach Mariathal komme, um sich immer wieder einen neuen Grausen vor dem Kloster zu holen ...

So verstrichen die Jahre, und die Sophie war ein kräftiges junges Mädchen geworden.