Mit geheimer Angst beobachtete die Ennemoserin das Heranblühen der Sophie. Sie hatte Furcht, das Mädel aus ihrer Obhut zu entlassen. Bis jetzt hatte Sophie noch nie den Wunsch geäußert, fortzukommen. Aber die Ennemoserin mußte daran denken, das Mädel auf eigene Füße zu stellen.

Siebzehn Jahre war die Sophie nun alt geworden. Ein großes, üppiges Mädel mit einem ausgeprägten, breiten Rassegesicht. Tiefbraun die Haut und schwarz das leicht gewellte Haar, das sie in zwei Zöpfen um den Kopf geschlungen trug. Zwei dicht bewachsene Brauen wölbten sich in großen, scharf gezeichneten Bogen über den Augen, und das braune Haar fiel widerspenstig in die niedere, breite Stirn. Ihre Lippen waren voll und üppig und von tiefstem Rot. Und ein tiefes Rot blühte auf den herben Wangen des Mädels. Sie machte überhaupt einen herben, fast verschlossenen Eindruck, dem nur der Schalk widersprach, der ständig in ihren nicht sehr großen, dunkeln Augen lauerte.

Wenn sie ging, so wiegte sich der junge Körper in unbewußter Koketterie leicht in den Hüften. Und der starke, etwas zu derbe Nacken des Mädchens hatte in dem kleinen Ausschnitt des schwarzen Miederleibchens etwas Lockendes und Verführerisches.

Bildsauber war die Sophie geworden. Mit Unruhe bemerkte es die Ennemoserin bei den gemeinsamen sonntäglichen Kirchgängen, daß die Burschen von Rattenberg sich öfter, als ihr lieb war, nach dem Mädel umsahen. Auch die Sophie war sich allmählich der stummen Huldigungen der Burschen bewußt geworden und wurde immer eitler und herausfordernder in ihrem Wesen.

Das alles verursachte der Ennemoserin nur noch mehr Angst vor der Zukunft. Von Monat zu Monat verschob sie es, das Mädel aus dem Haus zu geben, um sie etwas lernen zu lassen. Sie vermied es sogar, mit ihr über diesen Punkt zu sprechen, und Sophie fühlte sich so vollkommen zufrieden und behaglich, daß sie keinen andern Wunsch hegte als den, immer bei ihrer Pflegemutter bleiben zu können.

Bis eine Begegnung, die sie mit ihrer eigenen Mutter hatte, sie aus ihrer Ruhe aufscheuchte.

Wieder war der Herbst ins Land gezogen, und der Föhn, der Vorbote des Winterschnees, trieb die letzten traurigen Reste des goldgelben Blätterschmucks im tollen Reigen durchs Inntal. Lau und unnatürlich warm war die Luft, und die weißen Wolkenstriche am Himmel zogen sich immer mehr zusammen. Bedeckten das Firmament und ballten sich dann drohend zu schweren, regenverheißenden Dunstgebilden.

Tiefschwarz und in fast greifbarer Nähe hoben sich drüben im Tal die Wälder und Berge ab. Die grauen, kahlen Felsen des Sonnwendjoches hatten die eigenartige Färbung der milden Regenluft des Südwindes.

Es war noch ziemlich früh am Nachmittag, als die Sophie sich anschickte, im Auftrag ihrer Pflegemutter einen Gang ins nächste Dorf zu machen. Der Weg führte innaufwärts der Landstraße nach, in jene Gegend, wo die beiden Buben der Ennemoserin zum letztenmal gesehen worden waren. Die Sophie dachte plötzlich daran, wie die Kinder ihr junges Leben lassen mußten.

Unwillkürlich verlangsamte sie ihren Schritt und sah auf das spielerische Treiben des hellen Wassers. Ganz sanft und leise plätscherten die Wellen und hatten ein gleisnerisches Aussehen. Langsam schlenderte die Sophie ihres Weges und sang dann leise ein Liedchen vor sich hin.