Auf einmal aber blieb sie stehen und zog die Luft in scharfen Zügen ein. Wie ein Reh war sie anzusehen mit dem lauernd vorgebeugten Oberkörper und dem spähenden Blick.

Ein unangenehmer, brenzlicher Geruch lag in der Luft. Ein Geruch von Rauch und verkohltem Holz. Die Sophie kannte diesen Geruch jetzt, und sie wußte, daß irgendwo in nächster Nähe ein Karrnerlager sein mußte.

Und jäh durchzuckte es den Körper des jungen Mädchens wie mit einem elektrischen Schlag. Karrnerleute waren in ihrer Nähe. Leute ihres eigenen Standes. Die mußte sie sehen.

Seit sie damals von der Ennemoserin geführt ihr fahrendes Heim verlassen hatte, war sie nie mehr mit Karrnerleuten zusammengetroffen. Ein starkes Verlangen, wieder einmal mit Menschen ihres eigenen Standes zu sprechen, überkam sie. Sie mußte hingehen und sehen, wo die Leute waren. Vielleicht kannte sie die Karrner sogar. Oder die konnten ihr von Gaudenz Keil und von ihren Leuten erzählen. So schnell sie konnte, sprang sie der Richtung nach, aus welcher der Rauch kam.

Abseits vom Wege, ganz am Rande des Innflusses, wo seine Ufer völlig mit dichtem Gebüsch verwachsen sind, hatten die Karrner ihr Lager für die kommende Nacht aufgeschlagen.

Sophie Zöttl stand wie angewurzelt und starrte auf das kleine Heim der fahrenden Leute, zu denen sie einst selbst gehört hatte. Ein großer, bissiger, schwarzer Köter kam bellend auf Sophie zugeschossen, und ein kleiner, gelber Kläffer saß vor dem mit Segeltuch bespannten Karren und sekundierte dem empörten Zorn seines Kameraden mit einem langgezogenen Geheul.

In einiger Entfernung von dem Karren war zwischen zusammengetragenen Steinen ein Feuer angeschürt. Ein großes, zerlumpt aussehendes Weib, das einen Säugling im Arm wiegte, rührte mit nachlässiger Gebärde in der über dem Feuer stehenden Pfanne. Einige hellblonde, schmutzige Kinder balgten sich in ihrer Nähe und zogen und zerrten einander an den Haaren. Als sie Sophie erblickten, schnellten sie wie Gummibälle empor, um das junge, gut gekleidete Mädchen anzubetteln.

Sophie Zöttl stand noch immer regungslos da und starrte hinüber zu der Frau beim Feuer. Ganz so wie diese Frau aussah, so hatte sie ihre eigene Mutter in der Erinnerung. Nur daß sie die Benedikta jünger und hübscher im Gedächtnis trug, während diese Karrnerin ein altes, häßliches Weib war. Ein derbes Karrnerweib mit lederartiger Haut und tiefen Furchen im Gesicht. Die pechschwarzen Haare, die ihr zum Teil in wirren Strähnen über die Stirn fielen, waren schon stark mit weißen Fäden durchzogen. Und lässig und unordentlich war der Knoten des spärlichen Haares im Nacken befestigt.

Trotzdem erinnerte das ganze Gebaren des Weibes an die Benedikta Zöttl. Der Sophie fiel es jetzt plötzlich auf, daß sie jedesmal, wenn sie an ihre Mutter dachte, diese nur bei ihrem Namen nannte und ihr nie den Titel Mutter gab. Die Mutter, ihre Mutter, das war nun schon seit Jahr und Tag die Ennemoserin geworden.

Je länger die Sophie auf das Karrnerweib starrte, desto größeren Widerwillen empfand sie vor ihr, und ein warmes, inniges Gefühl von Liebe und Dankbarkeit für die Ennemoserin, die sich ihrer angenommen hatte, überkam das junge Mädchen.