Die schmutzigen, gelbhaarigen Kinder mit den zerlumpten Kleidern und den ungekämmten Haaren umdrängten die Sophie und wollten Geld von ihr haben. Dabei griffen sie immer zudringlicher werdend nach ihren Händen. Die bloße Berührung mit den ungewaschenen Rangen war dem Mädchen so widerlich, daß sie, um sich von ihnen loszumachen, auf die kleine freche Bande einschlug.

Das laute Heulen der Kinder und ein wütendes Gekläff der Hunde bewirkten, daß die Frau am Feuer aus ihrer Lethargie erwachte und auf das fremde Mädchen aufmerksam wurde. Mit nachlässigen, langsamen Schritten näherte sich die Karrnerin. Mechanisch wiegte sie den Säugling in ihrem linken Arm.

Je näher die Karrnerin kam, desto aufgeregter wurde die Sophie. Ihr Herz klopfte in unruhigen Schlägen, und die Farbe wich aus ihrem Gesicht. Mit großen, erwartungsvollen Augen schaute sie auf das Karrnerweib. Und dann, als diese ihr ganz nahe gegenüber stand, erkannte das junge Mädchen seine Mutter.

Benedikta Zöttl nickte nur leise mit dem Kopf. Ohne die geringste Spur von Aufregung oder von Freude zu zeigen, fragte sie mit gleichgültiger Stimme: „Bist da, Sophal?“

Als ob sie ihr Kind erst vor wenigen Stunden verlassen hätte, so ruhig fragte das Weib. Und doch lag eine lange Trennung dazwischen. Jahre, die aus dem unreifen Kind ein wissendes Mädchen gemacht hatten und aus dem kräftigen, starken Karrnerweib eine früh gealterte Frau.

Die Sophie bemerkte erst jetzt die Veränderung, welche die Zeit bei ihrer Mutter hervorgebracht hatte. Die hohe Gestalt der Frau war eingesunken, und sie war fast zum Skelett abgemagert. Die Sophie erinnerte sich, daß beinahe alle Karrnerweiber, die sie gekannt hatte, so häßliche alte Weiber waren wie die Benedikta.

Die Karrnerin bot der Sophie nicht einmal die Hand zum Gruß. Aber neugierig betrachtete sie das gut gekleidete, hübsche Mädel und ließ dann mit Kennermiene den leise knisternden Seidenstoff ihrer Schürze durch zwei Finger gleiten. Das schwarze Samtmieder, die breite, hellfarbige Seidenschürze und das schwere Seidentuch im Mieder, der breitkrempige Hut mit der goldenen Stickerei am Innenrand und den breiten, schwarzen Moireebändern, die rückwärts fast bis zu den Füßen reichten, verliehen dem hochgewachsenen Mädel ein ungemein schmuckes Aussehen.

Befriedigt nickte das Karrnerweib. Darauf fuhr sie mit ihren derben, braunen Händen vorsichtig über die Schürze des Mädchens. „Sauber bist, Sophal!“ sagte sie dann.

Noch immer konnte die Sophie vor innerer Erregung kein Wort hervorbringen. Die Röte kam und wich aus ihrem Gesicht im raschen Wechsel. Und immer eindringlicher und aufmerksamer beobachtete das Weib ihr Kind.

„Bin aa amal so g’wesen!“ sagte sie. „Grad so wie du. Ja, ja, es ist lang her.“