Dann wiegte sie wieder ihren Oberkörper hin und her und preßte den Säugling fester an sich, als könnte er ihr entgleiten. Und die schreienden, gelbhaarigen Kinder kamen neugierig herbeigesprungen und betrachteten das fremde Mädel wie ein Wundertier. Mit offenen Mäulern standen sie da oder bohrten mit den schmutzigen Fingern vor Verlegenheit in den Nasen.

„I kenn’ di schon lang!“ fuhr die Benedikta fort. „Es hat mi do g’wundert, was aus dir g’worden ist und wie du ausschaust. Fast alle Jahr sind wir da vorbei zogen. Da hab’ i dir aufpaßt.“

Und dann erzählte die Benedikta in kurzen Worten, wie es ihr seit der Trennung von der Tochter ergangen war. „Alle Jahr a Kind, woaßt wohl. Unseroans kennt sonst nix. Es ist aa ’s beste, solang oans jung ist. Lei iatz, iatz kimmt’s mi a bissel hart an, aber es macht nix. Und der Tonl, der Bua, der war für nix. Ist bald g’storben. Hat lei mehr so dahin g’serbt, und der Gaudenz hat sei’ Wuat kriegt auf ihn. Der vertragt’s halt nit, wenn oans a so dahin serbt. Ist aa nix für unseroans, woaßt wol! Und’s Glück hat ihn aa verlassen, den Gaudenz. Hat sein’ Wagen und sei’ Roß verkafen müssen und hat g’fluacht und g’wettert. ’s war a harte Zeit.“

So erzählte das Weib, und allmählich wurde die Sophie zutraulicher. Auch sie berichtete der Mutter von ihrem Leben. Sie setzte sich zu der Frau in das Gras. Das Feuer knisterte leise in ihrer Nähe. Die Kinder tollten wieder unbändig herum und spielten und sprangen den beiden Hunden um die Wette. Der Krummschnabel, der vorne in einem kleinen Käfig am Wagen hing, rieb seinen rollenden Waldgesang. In schmelzenden, hingebungsvollen Tönen sang er sein Lied von der Sehnsucht und der Freiheit.

Die Sophie saß neben ihrer Mutter und hielt mit beiden Händen die Knie umschlungen, die sie leicht emporgezogen hatte. Versonnen starrte das Mädchen in das leise knisternde Feuer. Es war ihr, als ob die Jahre, die sie von den Ihren getrennt gelebt hatte, nun mit einemmal geschwunden wären. Ein Gefühl der Zugehörigkeit zu diesen Leuten überkam sie und ein Verlangen, mit ihnen zu ziehen, weit hinaus in die ferne Welt.

Die Benedikta wiegte ihren Oberkörper in unaufhörlich schaukelnder Bewegung und sah dabei von seitwärts fortwährend auf die Tochter. „Hast an Schatz?“ fragte sie dann über eine Weile völlig unvermittelt.

Die Sophie wurde über und über rot im Gesicht. Ohne ein Wort zu sagen, schüttelte sie verneinend den Kopf.

„Nit?“ Verwundert sah das Weib auf ihre Tochter. „Schad’!“ meinte sie bedauernd.

Es entstand eine lange Pause. Sophie starrte nachdenklich in das kleine Lagerfeuer. Ohne daß sich das Karrnerweib näher ausgesprochen hätte, fühlte das Mädchen es doch instinktiv, daß sie der Mutter leid tat, weil sie ein großes Glück nicht kannte.

Einige Burschen hatten es versucht, dem Mädchen näher zu treten. Aber jeder derartige Versuch scheiterte an der starken und sorgsamen Wachsamkeit der Ennemoserin.