„Wie i in dei’m Alter war, hab’ i schon lang mein Schatz g’habt!“ erzählte die Karrnerin nach einer Weile. „Es g’hört si für unseroans und muaß sein. Bist a saubers Madel, Sophal ...“ fuhr sie dann fort, „sei g’scheit und halt eppas auf di, und merk dir’s, sein Glück kann unseroans nur machen, so lang’s jung und sauber ist. I hätt’s aa anders troffen, wenn i g’scheiter g’wesen wär’.“
Bis zum späten Abend saßen Mutter und Tochter beim Lagerfeuer. Dann schoß die Sophie plötzlich wie ein aufgescheuchtes Wild empor. Sie erinnerte sich, daß Gaudenz Keil jeden Augenblick kommen konnte, und wollte ein Zusammentreffen mit ihm vermeiden ...
Die Sophie hatte einen hochroten Kopf, als sie heimkam und in die kleine Stube ihrer Pflegemutter trat. Die Ennemoserin brauchte nicht lange zu fragen. Die Sophie erzählte ganz von selber über ihre Begegnung mit der Benedikta.
Seit jenem Tag beschlich eine innere Unruhe das Mädchen. Es gefiel ihr nicht mehr in Rattenberg, und das enge Heim der Pflegemutter fing an, sie zu bedrücken.
Die alte Wanderlust regte sich in ihr. Jene namenlose Sehnsucht nach der ungebundenen Freiheit, die sie damals aus dem Kloster getrieben hatte. Nur daß Sophie jetzt mit reifem Willen vor die Pflegemutter trat und sie bat, sie möge sie ziehen lassen und sie möge ihr nicht hinderlich sein bei der Suche nach ihrem Glück.
Der alten Frau war’s, als greife ihr jemand mit rohen Händen ins Herz. Nun sollte sie wieder allein sein in ihrem Berghäusel am Felsen. Und das Mädel, das sie fast so lieb gewonnen hatte wie eine Tochter, sollte sie preisgeben, sie ziehen lassen, hinaus in die Welt, um sie vielleicht zu verlieren, wie sie ihr eigenes Kind verloren hatte.
Sie hatte kein Glück mit Kindern. Sie wußte es ja. Die Ennemoserin bat nicht lange. Sie fühlte, es war das beste, dem Mädel seinen Willen zu lassen ...
Zu Lichtmeß fuhr die Sophie hinauf nach Innsbruck und schaute sich in der Stadt nach einer Stellung um. Sie brauchte nicht lange zu suchen. Beim „Weißen Hahn“ im der Altstadt kam sie als Küchenmädel unter.
Jetzt hieß es schaffen und arbeiten vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Die Sophie schaffte und rackerte sich ab und scheute keine Arbeit. Und Schneid’ hatte sie für zehn. Wenn ihr einer zu nahe kommen wollte, dann schnauzte sie ihn ab. Sie wollte klüger sein, als die Benedikta es gewesen war. Sie wollte ihr Glück gründen, so lange sie noch jung und sauber war.
Das hatte ihr die Mutter geraten. Und sein Glück gründete man nur, wenn man etwas auf sich hielt und klug war mit der Wahl des Schatzes.