Am Stadtplatz, dort wo sich der schöne Blick in die Hauptstraße bot mit ihren alten Häusern und Erkern und mit den alten, kunstvollen Schildern aus Schmiedeisen, machte der muntere Zug halt. Der Mann mit der Trommel schlug noch ein paar extra kräftige Wirbel und fing dann mit lauter Stimme an, seine Einladung für die heutige Abendschaustellung vorzubringen.

Hier am Hauptplatz sollte die Vorstellung stattfinden. Seilkünstler und jugendliche Akrobaten würden ihre Künste sehen lassen. Der kleine Reitersmann schlug schon jetzt einen Purzelbaum über den andern auf dem Rücken des Pferdes, um eine Probe seiner Kunstfertigkeit zum besten zu geben. Das wirkte derart aufreizend auf einzelne der Buben, daß sie trotz Regen, Schmutz und Pfützen den fremden Künstlern gleichfalls mehrere Purzelbäume vorführten.

Vor dem Stadttor lagerten die Karrner. Dort stand das fahrende Heim, auf welches das braune Mädel sein frierendes Brüderlein vertröstet hatte. Ein grüner, schon recht baufälliger Wagen. Kleine Fenster mit roten Vorhängen waren an dem alten Rumpelkasten angebracht. Ein rauchender Kamin von Eisenblech reckte sich aus der Dachlucke. Zu der schlecht schließenden Tür des Wagens führte eine kleine wacklige Leiter empor.

Dies war das Heim der fahrenden Künstler und bot ihnen Schutz gegen Sturm und Regen. Gesundes Blut gedeiht überall, wächst auf wie Unkraut und vermehrt sich gleich ihm. Kümmert sich nicht um Lebensbehagen und um die einfachsten Satzungen der Hygiene. Krankheit ist ein unbekanntes Ding unter den Karrnern.

Erstaunlich viele Menschen birgt so ein fahrendes Heim. Schier stolpern sie einander über die Füße. Die Inneneinrichtung des Wanderkastens war höchst einfach. Ein Tisch, ein altes abgebrauchtes Ledersofa und mehrere Holzstühle und Rohrsessel, die schon halb zerbrochen waren. Knapp neben einem Fenster stand ein kleiner eiserner Herd. Der Rauch mußte nur schlechten Abzug durch den Kamin finden, denn der enge Raum war eingehüllt von beißenden Schwaden.

Anschließend an dieses Gemach befand sich durch eine Tür getrennt noch ein Abteil. Da drinnen war es ganz dunkel. Es war eigentlich die Theatergarderobe der fahrenden Leute. Der enge Raum war zum größten Teil angefüllt mit Schachteln, Lumpen und alten Kleidern. Ein breites, unordentlich gemachtes Bett stand an der Längsseite der Wand. Zu dessen Füßen erstreckte sich auf dem Boden ein Strohsack mit einem Polster und einer alten Pferdedecke. Darauf balgten sich ein paar größere Kinder, zankten und schlugen sich und verursachten einen Heidenlärm.

Draußen im Wohnraum beim Herd stand die Mutter der Kinder, eine große, schwarze Frau, derb und üppig, in nachlässiger Haltung, mit schlampig gekämmtem Haar und in schmutzigen, herabhängenden Kleidern. Auf dem linken Arm hielt sie einen Säugling, der sich an ihrer Brust festsog. Mit der freien rechten Hand rührte sie in einer Pfanne Milch und Mehl zu einem Mus für das Abendessen. An ihrem Rock hielten sich ein paar kleine Kinder fest und zerrten an ihr, daß sie ihr den schmutzigen Kittel halb vom Leib rissen.

Ein anderes kleines Kind, das noch nicht gehen konnte und mit einem farbigen Hemdchen nur notdürftig bekleidet war, saß gravitätisch auf dem Sofa und schlug mit einem Kochlöffel um sich, unaufhörlich und nach allem, was ihm in die Nähe kam. Und es kam immer etwas in die Nähe. Eines der kleinen oder der größeren Kinder. Unbarmherzig hieb der kleine Wicht am Sofa auf die Köpfe seiner Geschwister. Die brüllten dann jedesmal aus Leibeskräften, liefen zur Mutter und wischten sich an deren Rockfalten die Tränen ab oder die schmutzigen kleinen Nasen.

Die Frau am Herd ließ sich durch keinen Lärm aus ihrer Ruhe bringen. Sie kochte unbeirrt weiter und preßte den Säugling mit dem linken Arm fest an ihre Brust.

Ein struppiger, häßlicher Köter umsprang mit lautem Gebell die kleinen, weißblonden Kinder, hüpfte an ihnen empor und drängte sich wedelnd und mit der Zunge leckend zwischen sie. An einem der rot verhangenen Fenster baumelte in einem winzigen Vogelkäfig ein einsamer Kreuzschnabel und zirpte seinen sehnsüchtig wehmutsvollen Sang.