Die Karrnerin stand mit einer Art stolzer und hoheitsvoller Genugtuung vor dem Herd. Wie eine Königin in ihrem Reich, so kam sie sich inmitten ihrer Kinderschar vor.
Es war aber auch eine ganz besondere Stellung, die sie unter ihren Standesgenossen einnahm. Einen Wagen, einen richtigen, echten Wagen als Wohnstätte und ein lebendes Pferd hatte sie. Zu solchem Besitz brachten es nur wenige unter den Karrnern. Es war auch gar nicht so lange her, seit sie zu diesem Wohlstand gekommen waren. Früher zogen sie herum wie die andern fahrenden Leute. Da besaßen sie nur einen Handkarren, der mit einem großen Segeltuch überspannt war und drunter die wenigen Habseligkeiten der Familie barg.
Den Karren zogen sie gemeinsam, sie und ihr Gaudenz, den sie ihren Gatten nannte, obwohl weder Kirche noch Staat diesen Bund besiegelt hatten. Aber bei den Karrnern nimmt man das nicht so genau. Das sind freie, ungebundene Menschen, sind Menschen ohne den Zwang strenger Sitten.
Die führen ihr ungebundenes Leben von Jugend an. Und wenn sich Männlein und Weiblein gefunden haben, so ziehen sie zusammen ihren wilden Ehestandskarren, ohne Pfarrer und Gemeinde erst lange um Erlaubnis zu fragen. Und trotzdem halten sie fest aneinander. Ohne Schwur und Gelübde nehmen sie es mit der Treue genauer, als viele in strenger Sitte und Zucht auferzogene Kulturmenschen.
Gemeinsam getragene Not ist ein fester Kitt. Und es ist ein hartes Leben, das diese Tiroler Zigeuner führen. Von Ort zu Ort ziehen sie. Durch das ganze Land wandern sie und noch weit über die Grenzen hinaus in fremde, unbekannte Gegenden.
Überall sind sie geächtet und überall gemieden. Aber sie ertragen alles, Not und Hunger, Frost und Regen, Sonnenglut und Straßenstaub, Schande und Verachtung. Ihr Freiheitstrieb ist so groß und unbändig, daß sie lieber in Gottes freier Natur elend zugrunde gehen, als daß sie sich den Gesetzen einer geordneten Lebensweise unterwerfen würden.
In Gottes freier Natur, ohne Hausdach, ohne Hilfe und Beistand bringt die Karrnerin ihre Kinder zur Welt. Es müssen kerngesunde, lebenskräftige Kinder sein. Wer nicht ganz fest ist, geht zugrunde. In Wind und Wetter, Schnee und Regen und im glühenden Sonnenbrand, ohne Furcht, in Freiheit und Ungebundenheit, so wächst das Karrnerkind auf.
Von der Hand in den Mund lebt die ganze Familie. Kann der Vater keinen Verdienst finden, so ziehen die Kinder zum Betteln aus, und wenn’s nicht anders geht, auch zum Stehlen. Sie lernen wenig Gutes von den Menschen. Überall werden ihnen die Türen vor der Nase zugeschlagen, oder man wirft ihnen Gaben hin wie jungen Hunden. Und gierig wie junge Hunde schnappen sie darnach. Denn immer sind sie hungrig, und die kleinen Mägen knurren ihnen oft unbarmherzig.
Seit Gaudenz Keil, der Karrner aber den genialen Einfall hatte, sich ein Pferd und einen Wagen zu erstehen und seine Kinder zu Akrobaten heranzubilden, seit jener Zeit ging es ihm und seiner Familie viel besser. Woher der Gaudenz das Geld auftrieb zum Kauf, wußte niemand. Das Korbflechten und Pfannenflicken brachte ihm jedenfalls keine Reichtümer ein. Aber der Gaudenz war von jeher ein ganz gerissener Bursche gewesen, und einer seiner obersten Grundsätze war, sich nicht erwischen zu lassen.
Erwischt hatte ihn niemand. Und Benedikta Zöttl, die Karrnerin, die vielleicht über den plötzlichen Reichtum hätte Auskunft geben können, war verschwiegen wie das Grab. Sie hielten zusammen, diese beiden, trotz Zank und Streit und trotz mancher wüsten Szenen, die es oft zwischen ihnen gab. Die gehörten jedoch mit zur rechten Karrnerliebe. Streit und Prügel. Der Karrner muß fühlen, daß er der Herr im Hause ist.