Gaudenz Keil war eine ausgesprochene Herrennatur. Das Regiment, das er führte, war ein strenges. Wenn er seinen schlechten Tag hatte, dann fürchteten sie sich alle vor ihm. Die Benedikta und die Kinder, die großen wie die kleinen. Sogar der kleine, struppige Köter zog den Schweif ein und verkroch sich. Der Herr hatte einen festen Fuß, und so ein Stoß oder Tritt tat weh.

Am widerspenstigsten war von jeher die Sophie gewesen. Das war das braune zwölfjährige Mädel, das als Bub verkleidet herumlief. Die hatte wirklich den Satan im Leib.

Wenn Gaudenz Keil ganz besonders schief gewickelt war, dann rannte sie ihm sicher im Weg herum, reizte ihn auf irgendeine Weise oder spielte ihm sonst einen Possen. Über die Sophie entlud sich dann gewöhnlich der ganze Groll des Karrners. Er schlug und prügelte sie unbarmherzig, wohin er sie nur traf. Drosch auf sie ein in blinder Wut, daß das Kind heulte vor Schmerz und es doch nicht lassen konnte, ihn immer und immer wieder in rasenden Zorn zu bringen.

Sie haßten sich gegenseitig, der Gaudenz und die Sophie. Gaudenz Keil haßte das Mädel, weil es der lebende Zeuge war, daß Benedikta Zöttl ihre Gunst einmal einem andern Manne geschenkt hatte.

Sie war schön gewesen, die Benedikta. Ein südländischer Typus, wie er unter den Karrnern nicht oft anzutreffen ist. Meist sind diese Zigeuner der Tiroler Berge hellblond, von einem unschönen, schmutzigen Blond. Ihre Gesichter sind knochig und häßlich, die Haut ist von der Sonne gelb gebrannt.

Benedikta Zöttl war ein wildes, unbändiges Mädel gewesen. Ihr heißes Blut hatte sie schon in früher Jugend von einem Mann zum andern getrieben, flüchtig und unstät, bis der Gaudenz kam und sie mit sich führte.

Das kleine, braune Ding, die Sophie, mußte er allerdings mit in den Kauf nehmen. Das Mädel war ihm ein Dorn im Auge. Es bildete zwischen ihm und der Benedikta einen Zankapfel auf Weg und Steg.

Die Sophie haßte den finstern, harten Mann, der so roh und grausam werden konnte. Das heiße, unbändige, wilde Blut der Mutter hatte sich auf die Tochter vererbt. Der Gaudenz hatte die Benedikta gezähmt. Es gibt ein sicheres Mittel, wildes Karrnerblut zu bändigen. Kinder auf Kinder entsproßten dieser freien Ehe. Die Mutterpflichten hatten das Weib milder und gefügiger gemacht.

Benedikta Zöttl war mit den Jahren ziemlich stumpfsinnig geworden. Nur wenn es der Gaudenz in seiner brutalen Art zu weit trieb, wenn er wie ein gereiztes Tier blindwütig Hiebe und Fußtritte austeilte und die Kinder sich wimmernd und heulend verkrochen, dann stellte sie sich dem Manne furchtlos gegenüber, schlug wohl auch kräftig mit einem Stock oder einem Scheit Holz oder sonst einem Gegenstand, der ihr gerade zur Hand war, auf ihn ein. Bis dann doch schließlich seine Kraft die Übermacht gewann.

Der Tonl, das hellblonde Bübel, hatte am meisten Angst vor dem Vater. Bei jedem rauhen Wort zitterte er und kämpfte mit den Tränen. Und gerade der Tonl war es, den die Sophie am meisten ins Herz geschlossen hatte. Seinetwegen hatte sie schon viele Prügel vom Vater eingeheimst. Der Tonl, so putzig und zierlich er aussah, so herzlich ungeschickt war er. Das Akrobatentum wollte ihm gar nicht einleuchten. Und jedes neue Kunststück hatte er nur dadurch erlernt, daß er des Vaters harte Faust zu spüren kriegte.