Auch heute wieder stellte sich der Tonl ganz besonders ungeschickt an. Gleich nach dem Umzug in der Stadt hielt der Karrner draußen vor dem Tor eine Generalprobe für den heutigen Abend. Mitten in Wind und Regen. Das störte ihn nicht.
Mit harten Worten rief er seine Kinder zusammen. Der Tonl machte ein weinerliches Gesicht. Er war ganz durchnäßt, und es fror ihn jämmerlich. Der Tonl war überhaupt ein bissel aus der Art geschlagen. Empfindlich wie ein Stadtkind. So gar kein richtiger Karrnerbub. Das ärgerte den Gaudenz. Für das Zimperliche und Überfeine besaß er nicht den geringsten Sinn. Der Tonl hatte sich schon die ganze Zeit her auf die warme Stube und einen Bissen Brot gefreut. Und nun hieß es wieder an die Arbeit gehen, ausharren im Regen trotz Hunger und Kälte.
Die Sophie sah die Enttäuschung des kleinen Bruders. Wie ein Wiesel rannte sie dem Vater davon, sprang mit ein paar Sätzen über die Stufen der Leiter hinein zur Mutter und brachte dann triumphierend ein großes Schwarzbrot für den Tonl.
Das hellblonde Bübel kaute und kaute und putzte sich die Nase. Schips, der struppige Köter, erhielt auch ab und zu einen Bissen, weil er gar so schön betteln konnte. Und die Sophie stand vor dem Bruder, der mitsamt seinem schönen Staat auf dem aufgeweichten Erdboden saß, und suchte den Tonl vor den Blicken des Vaters zu verstecken. Denn der Vater duldete keine „Fresserei“ während der Arbeit. Das wußten die beiden Kinder, und deshalb würgte der Tonl auch das Brot hinunter, so rasch er nur konnte.
Trotzdem entdeckte der Karrner den kleinen Sünder. Der Gaudenz stand abseits und probierte mit zweien seiner Söhne, die auch nicht älter als sieben und acht Jahre sein mochten, verschiedene Kunststücke. Nun rief er die Sophie herbei. Das Mädel war der Kraftathlet der jungen Künstlerschar. Sie hatte die Aufgabe, zwei ihrer Geschwister mit freien, weit vor sich hingestreckten Händen zu halten, während der Tonl mit einem geschickten Sprung auf ihren Kopf gelangen mußte.
Die Buben und Mädeln von Rattenberg, die den fahrenden Leuten bis vor das Tor gefolgt waren, kamen während der Probe voll Neugierde und mit immer wachsendem Interesse näher heran. Der Gaudenz Keil verjagte sie zwar, doch umsonst. Den Karrner konnte nichts so sehr in Harnisch bringen, als wenn man ihn bei seinen Proben belauschte.
Er drohte den fremden Kindern mit der Peitsche. Lachend stoben sie auseinander, um sich dann gleich wieder, frecher und kühner werdend, zu nähern. Was konnte der Karrner ihnen schließlich auch antun! Sie fühlten sich ganz sicher und reizten den Mann durch kecke Zurufe.
Gaudenz Keil spürte es, daß er den fremden Kindern gegenüber ohnmächtig war. Er durfte ihnen nicht grob kommen. Sonst verdarb er sich’s mit denen da drinnen in der Stadt; und die brauchte er ja. Denen mußte er ja zu gefallen suchen, damit sie ihm ein paar lumpige Kreuzer zu verdienen gaben.
Eine plötzliche Wut überkam den Gaudenz. Der Herrenmensch in ihm empörte sich dagegen, daß er vor Straßenbengeln kuschen sollte. Der Karrner fühlte, wie ihm das Blut schwer zu Kopfe stieg. Er mußte einen Gegenstand haben, an dem er seinen Zorn auslassen konnte. Sonst passierte etwas, und er vergriff sich an der Bande. Zornig fuchtelte er mit der Peitsche in der Luft herum.
„Hau mi, Karrner, wenn du di traust!“ schrie einer der Buben höhnisch zu ihm herüber.