„Wie die frühere auch. Durchgefallen!“ Der junge sprach es leise, kaum hörbar. Seine Stimme verschleierte sich, als habe er mit aufsteigenden Tränen zu kämpfen. Er hielt den Kopf tief nach vorne gesenkt, und in seinem weichen Kindergesicht zuckte es gewaltsam.

Sophie hatte mehr Licht gemacht. Der helle Schein fiel auf das blonde, volle Haar des jungen Mannes. Es lag etwas Rührendes in seiner ganzen Haltung. Fast noch etwas knabenhaft Unberührtes.

Wie er so da vor ihr an dem mit einem farbigen Tuch gedeckten viereckigen Tische saß, war es der Sophie, als hätte Felix Altwirth eine Ähnlichkeit mit ihrem toten Brüderchen, dem Karrnerbübel. Und ganz ähnlich, wie sie jenen so oft in seinem kindlichen Leid getröstet hatte, machte sie es nun mit dem durchgefallenen Prüfungskandidaten. Mit der ganz gleichen resoluten Energie, in demselben mütterlich tröstenden Ton sprach sie jetzt zu Felix, wie sie es in ihren frühen Kinderjahren so oft getan hatte.

Sophie Zöttl setzte sich auf die Bank an die Seite des jungen Mannes, ergriff mit warmem Druck seine eisigkalte Hand und hielt sie fest in der ihren. „Und jetzt, jetzt sind’s natürlich recht unglücklich! Statt daß Sie Ihnen freuen täten, daß Sie kein so langweiliger Beamter zu werden brauchen. Gelten’s? Und möchten wohl am liebsten gleich in Inn eini springen, ha? Und stellen Ihnen vor, wie schön ’s wär’, wenn man an jedem Ersten sein schäbiges G’haltel einstecken könnt’, wie man vertrocknen dürft’ vor lauter Aktenstaub. Und dann hinaus kommen tät’ aufs Land als k. k. Bezirksrichter. Ja, ja!“ nickte sie mit einem komisch ernsten Gesicht, als Felix sie unterbrechen wollte. „Es ist schon so, wie ich sag’! Und wenn man dann am Land draußen den großen Herrn spielen könnt’ ... und wenn man dann alt und katzgrau und so schäbig ist, daß si’ g’wiß koa Madel mehr nach einem umdreht, da darf man wieder in die Stadt z’ruck. Da kriegt man an schönen G’halt und bildet sich an Batzen drauf ein. Stackelt umanander, recht breit und recht behäbig, Bauch voran und die Füß’ auseinander, daß ja a anderer Mensch koan Platz mehr hat, da wo man selber geht. Denn am Land draußen, da hat man’s erst begriffen, daß man wer ist, und da bildet man sich nacher aa was ein drauf, weil man sonst nix hat, auf was man sich was einbilden könnt’. Ja, ja ... mei’ Lieber, so ist’s! Und das möchten Sie werden, akrat das? Aber z’schad sein Sie für so eppas, sag’ i Ihnen, viel z’schad dazu! Grad recht ist’s, daß Sie durchg’fallen sein. Justament recht ist’s, und mi g’freut’s. Jatz muß die Apothekerin nachgeben, ob sie will oder nit! Gelten’s, Herr Doktor?“

Felix Altwirth hatte bei dem Redeschwall des jungen Mädchens unwillkürlich lachen müssen. Sie hatte das alles mit so viel Entschlossenheit und drolliger Urwüchsigkeit gesagt, daß es ihn erheitern mußte.

Ein gutes Korn Wahrheit steckte ja in dem allen, was sie sagte. Diese ganze Schilderung des alternden Beamten hatte er sich oft genug selbst gemacht, und mit Schaudern hatte er sich vorgestellt, wie wohl sein ganzes Leben da draußen am Land mitten unter den Bauern sich gestalten würde.

Vielleicht hatte die Sophie doch recht. Vielleicht war’s trotz allem nicht gar so schlimm, daß er durchgefallen war. Vielleicht durfte er nun doch sein Leben ... Ja, wenn nur die Tante und der Onkel nicht wären und seine Mutter. Seine Mutter ... die wußte ja noch gar nichts, wie’s um ihn stand.

Bei diesen Erwägungen machte Felix Altwirth ein recht trauriges Gesicht und unterdrückte nur mit Mühe einen Seufzer.

Auch Max Storf dachte an die Verwandten seines Freundes und sagte ziemlich mutlos: „Das stellen’s Ihnen doch leichter vor, als es ist, Fräul’n Sophie. Die Frau Apotheker ...“

„Ach was, die Frau Apotheker! Die nimm einfach i mir z’leihen. Der sag’s einfach i. Die kommt ohnedies heut’ auf d’Nacht her. Da kommt’s mir grad recht. Da red’ i damit!“ meinte die Sophie resolut.