Die Sophie wußte es ganz genau, daß sich Doktor Max Storf nun schon seit einiger Zeit für Fräulein Hedwig Eisenschmied, die Schwester der Frau Baurat Goldrainer, interessierte. Daß der junge Arzt so bald schon seine Aufmerksamkeiten gegen sie auf eine andere übertragen hatte, das kränkte ihre weibliche Eitelkeit.
Sophie Zöttl war in gewisser Beziehung ein sehr verwöhntes Mädchen geworden und verlangte es, ohne sich dessen bewußt zu sein, daß ihr sämtliche männliche Mitglieder der Stammtischgesellschaft huldigten. Sie hatte mit dem jungen Arzt ihr Spiel getrieben. Sie hatte mit ihm kokettiert, wie sie mit jedem kokettierte. Aber nicht lange. Max Storf eignete sich nicht, der Sklave eines Weibes zu werden oder sie in scheuer Anbetung zu verehren, wie sein Freund dies tat.
Der junge Arzt hatte sich eine warme Verehrung für die reine Frau bewahrt. Daß Sophie noch zu den reinen Frauen gehörte, das fühlte er. Er hatte keine Ahnung von ihrer eigentlichen Abkunft und hielt sie für ein Bauernmädchen aus dem Unterinntal.
Max Storf war Menschenkenner genug, um es zu wissen, daß ein wildes, ungezügeltes Temperament unter der scheinbar gleichgültigen Art des jungen Mädels lauerte. Ein Temperament, das er sich scheute zu wecken, das ihm für ein loses Spiel zu gefährlich schien und für ein ernstes Glück zu ruhelos und wild.
In Fräulein Hedwig Eisenschmied glaubte er das Mädchen gefunden zu haben, das ihm für ein dauerndes Glück sichere Bürgschaft bieten konnte.
Sophie bemerkte sofort den Umschwung in seinen Gefühlen. Da sie ihn nicht liebte, berührte es sie innerlich nur wenig. Einzig und allein gekränkte Eitelkeit war es, die sie veranlaßte, dem jungen Arzt schnippische und anzügliche Reden zu geben. Doktor Storf war kein Neuling in der Beurteilung und Behandlung der Frauen, und sein Takt, auch in diesem Falle, erregte die geheime Bewunderung von Felix ...
Es war schon beinahe halb acht Uhr abends, als Felix Altwirth das Stammlokal beim Weißen Hahn verließ. Gerade noch rechtzeitig, ehe er mit dem ersten der abendlichen Gäste im Hausflur zusammentraf.
Langsam schlenderte Felix die Anlagen des rechtsseitigen Innufers entlang. Er hatte den dunklen Hut tief in die Stirn gedrückt. Den Rockkragen des hellen Überziehers hatte er aufgestülpt und die beiden Hände in die weiten Taschen vergraben. So ging er mit lässigen Schritten seines Weges, ohne jemand zu beachten. Er kam noch immer früh genug nach Hause. Es eilte ihm gar nicht. Den bittern Reden und Vorwürfen seiner Mutter würde er ja doch nicht entgehen. Daß sie damit nicht sparen würde, das wußte er.
So nahe sich Mutter und Sohn in früheren Jahren gestanden waren, so tief war die Kluft zwischen ihnen geworden. Unüberbrückbar erschien sie dem Sohn. Wenn er nur fort könnte! Fort von hier ... weit fort!
In der Dunkelheit der Nacht bauten sich ihm die Berge der Nordkette auf wie die Riesenmauern eines Gefängnisses. Hoch, mächtig und erdrückend schwer. Da war kein Ausweg für Felix. Fast schien es ihm, als sei das gigantische Gebirge in seiner trotzig herben Unnahbarkeit ein Symbol für ihn.