Kein Ausweg! Sollte er tatsächlich hier in dieser Stadt ein kleines Schicksal zu Ende leben müssen? ...
Am Himmel war kein Stern sichtbar. Stockfinster war die Nacht und regenschwer die Luft. Immer weiter ging Felix Altwirth den Inn entlang ... viele Stunden ... weit hinunter ins breite Inntal. Erst der frühe Morgen brachte ihn heim zu seiner Mutter.
Siebentes Kapitel.
Es geschah nicht oft, daß die Herren von der Stammtischgesellschaft beim Weißen Hahn ihre Damen mitbrachten. So alle heilige Zeiten einmal kam es vor. Aber dann ging’s auch jedesmal hoch her. Da wurde geplaudert, gelacht und gesungen, und die Sitzungen waren ausdauernder, als wenn die Herren unter sich blieben.
Wenn so ein Weiblein einmal etwas Gutes genießt, dann will sie es auch bis zur Neige auskosten. Das war gewöhnlich der Schluß der philosophischen Betrachtungen, die der Herr Rat Leonhard immer und immer wieder anstellte und durch die er die Notwendigkeit solcher weiblicher Heimsuchungen zu ergründen bestrebt war. Dieser Schluß war für ihn eine Art Selbstberuhigung. Besonders dann, wenn er in lauten Selbstgesprächen, die er auf der Straße mit sich führte, sich diesen Schluß stets von neuem wieder vorsagte und sich damit zu trösten suchte.
Für den Herrn Rat waren die Damenabende eine große Geduldprobe. Mit geheimer Angst sah er jedesmal einen solchen Abend herannahen. Er ertrug ihn als eine ihm vom Schicksal auferlegte Prüfung. Obwohl er diese Prüfung als im höchsten Grade unverdient erachtete, wußte er sie doch mit Anstand und Würde zu tragen. Der Anstand und die Würde, die der Herr Rat bei solchen Gelegenheiten zur Schau trug, waren allerdings etwas eigentümlicher Art. Alles, was er zur Verschönerung seines äußeren Menschen tat, beschränkte sich darauf, daß er sich nebst einem weißen Hemd einen steifen Kragen anlegte, einen breiten, niedern Umlegkragen, und dazu eine helle, möglichst geschmacklose Krawatte, die ihm selber aber außerordentlich gefiel.
Im gewöhnlichen Leben war der Herr Rat stets mit einem bunten oder auch dunkelfarbigen Flanellhemd bekleidet, dessen weicher Kragen ihn nicht drücken konnte. Die Stelle der Krawatte vertrat meistens eine Schnur mit Quasten, wie sie bei den Touristenhemden üblich ist. Steife Kragen oder gar Manschetten haßte der Herr Rat ehrlich und aufrichtig und betrachtete diese „Futteraler“ als eine unerhörte Beschränkung seiner persönlichen Freiheit.
Die Frau Professor Haidacher, die eine lustige Frau war und eine unbedingt satyrische Ader besaß, machte einmal die Bemerkung: sie glaube, der Herr Rat Leonhard wähle die dunkle Hemdenfarbe aus Sparsamkeitsgründen und mit Rücksicht auf die Reinlichkeit.
Der böse Witz wurde viel belacht; denn alle wußten es, daß der Herr Rat ziemlich ungezogene Manieren bei Tisch besaß und daß seine Kleidung nie ohne die Spuren der genossenen Mahlzeiten blieb.