Daß der Herr Rat Leonhard zu den Damenabenden auch jedesmal ein weißes Hemd anziehen mußte, war eine Prozedur, die der lustigen Frau Professor sicher viel Vergnügen bereitet hätte, wenn sie dieselbe hätte beobachten können. Im Geist stellte sie sich’s zwar genau so vor, wie es in der Wirklichkeit sich immer ereignete. Und diese Vorstellung ließ es ihr nur begreiflich erscheinen, daß der alte Junggeselle den Damenabenden beim Weißen Hahn bloß Gefühle des Abscheus und der Furcht entgegenbrachte.

Die lustige Frau Professor sah den kleinen Mann, wie er in seiner Junggesellenbude nervös auf und ab trippelte, überall seine Wäsche zusammensuchte und sie nicht finden konnte. Sie sah ihn, wie er nach glücklich vollbrachtem Fund sich abmühte, in das steife, ihm ungewohnte Wäschestück hinein zu schlüpfen. Sie hörte ihn ächzen und keuchen und ingrimmig fluchen, wenn er den Ausweg für den Kopf nicht finden konnte, da er vergessen hatte, oben die Knöpfe aufzumachen. Sie sah ihn in ratloser Verzweiflung und mit ungeschickten, zitterigen Händen einen Knopf annähen, der lose an einem Faden hing und auszubrechen drohte, und sah noch viele kleine Unfälle, die ihm widerfuhren und die er zu überstehen hatte.

Und das mußte der Herr Rat, wie die rundliche, gut genährte Frau Professor mit innerer Befriedigung feststellte, alles zur Strafe dafür durchmachen, weil er es versäumt hatte, sich rechtzeitig im Leben um eine Gefährtin umzusehen, die ihm die kleinen Lasten des Alltags mit liebevoller Sorge abgenommen hätte.

Als warnendes Beispiel hatte die Frau Professor den Rat Leonhard schon oft dem Doktor Rapp vor Augen gestellt. Denn daß der Advokat so völlig keine Lust bezeugte, in den Ehestand zu treten, das wollte ihr schon gar nicht gefallen.

„Schauen’s, Herr Doktor, so viele hübsche junge Mädeln gibt’s in Innsbruck. Mädeln mit Geld und Mädeln ohne Geld. Beißen’s doch an! Ein Mann wie Sie! Ich bitt’ Ihnen!“

Auch heute abend hatte sich die Frau Professor den Doktor Rapp aufs Korn genommen, um ihn abermals in ihrer lustigen Art für den Ehestand zu kapern. Sie selber war eine äußerst glückliche Frau geworden, hatte einen guten, etwas phlegmatischen Mann gefunden, der ihr willig das Zepter der Regierung überließ und sich in alles fügte, was sie bestimmte. Da Frau Anna Haidacher eine sehr vernünftige Dame war, so bedurfte es auch keiner allzu großen Selbstverleugnung von Seite des Herrn Professors, sich ihrem höhern Willen unterzuordnen.

Die Frau Professor war entschieden der Sonnenschein am Stammtisch. Sie war die einzige, die es zustande brachte, die Sophie für den Abend auszustechen. Ohne Absicht natürlich; denn sie befand sich nebst den andern Damen in vollkommener Unkenntnis darüber, welchen Grad der allgemeinen Aufmerksamkeit das junge Mädchen für gewöhnlich genoß. Sophie trat für diesen einen Abend gerne zurück. Sie erfreute sich gleich den andern an der sprudelnden Heiterkeit der jungen blonden Frau.

Sophie hatte eine ganz besondere Zuneigung zur Frau Professor gefaßt. Sie zog sie allen übrigen Damen vor und machte sich gerne um sie zu schaffen. Das kam daher, weil Frau Haidacher ganz anders zu dem Mädel war als die übrigen Damen. Frau Anna hatte eine gute, freundliche Art, mit dem Mädchen zu reden. Sie sprach mit ihr, als wäre sie eine ihresgleichen, und kehrte mit keinem Wort, mit keinem Blick und keiner Gebärde die Dame vom Stande heraus; und dafür hatte Sophie ein besonders feines Empfinden.

Die Damenabende waren für Sophie eigentlich stets Stunden der Selbstüberwindung und Selbstbeherrschung. Ihre Stellung beim Weißen Hahn war mit der Zeit eine derartige geworden, daß sie das Gefühl, eine Dienerin zu sein, ganz verloren hatte. Die Wirtin hielt sie wie ihr eigenes Kind. Die Gäste bewunderten sie und feierten sie und ließen sich von ihr hofmeistern. Das Dienstpersonal nahm eine Art scheuen Abstandes von ihr ein, der nicht frei von Neid war.

Mit dem Auftreten der Damen in der Stammtischgesellschaft änderte sich für Sophie das Bild, und sie empfand deutlich den sozialen Unterschied zwischen sich und jenen. Da war keiner der Männer, der es gewagt hätte, in Gegenwart der Frauen einen Witz mit ihr zu machen. Sogar die jungen Herren am andern Ende des Zimmers verhielten sich ruhiger und zurückhaltender. Sophie war stets froh, wenn so ein Damenabend wieder glücklich überstanden war. In diesem Punkt stimmte sie mit dem alten Herrn Rat vollkommen überein.