Mit heimlicher Genugtuung bemerkte sie es, wie die übrigen Damen es der Frau Professor neideten, daß diese der Mittelpunkt der Gesellschaft war und sich der allgemeinen Gunst erfreute. Die Professorin war hübsch, jung, übermütig und besaß einen sich stets gleichbleibenden Humor. Eigentlich war Frau Professor Haidacher gar keine Innsbruckerin. Sie war nur eine „Eingeheiratete“ und von Geburt eine Linzerin.

Es dauerte auch geraume Zeit, ehe die Innsbrucker Damenwelt sich mit ihr anfreunden konnte. Die herzliche, heitere Art der jungen Frau bezwang aber doch schließlich die kühle, beobachtende Zurückhaltung der Damen. Jetzt allerdings war sie schon längst eine der Ihren geworden, und sie fanden sich ab mit ihrer überquellenden Lustigkeit und mit der für ihre Begriffe zu extravaganten Kleidung der Professorin.

Frau Haidacher liebte es, sich stets nach der allerneuesten Wiener Mode zu kleiden. Und die Art und Weise, wie sie sich trug, wie sie sprach und ging, verriet die Dame von Welt, die in ihre gegenwärtige spießbürgerliche Umgebung nicht so ganz hineinpassen wollte.

Daß sie nicht ganz zu ihnen paßte, das fühlten die Innsbrucker Damen besser, als es Frau Haidacher selbst bewußt wurde. Die Professorin hatte sich rasch eingewöhnt in der Stadt. In ihrer leichtlebigen Art fand sie sich gleich mit allem zurecht und sehnte sich keinen Augenblick nach ihrer alten Heimat zurück.

Sophie Zöttl war, während die Professorin den Rechtsanwalt wieder einmal neckte, in der Nähe geblieben und hatte scharf auf jedes Wort geachtet, das gesprochen wurde.

Sie stand hinter dem Stuhl der Professorin und hatte die rechte Hand leicht auf die Lehne gestützt. Es war eine vertrauliche Haltung, die sie einnahm, während sie ihr Gesicht gegen eine andere Seite wandte, als erwarte sie von dort her einen Auftrag oder als achte sie gar nicht darauf, was in ihrer allernächsten Nähe verhandelt wurde.

Und doch entging ihr kein Wort, nicht ein einziges. Auch nicht die geringste Nuance im Tonfall eines Wortes. Sie war so voll Aufmerksamkeit, daß sie es nicht einmal bemerkte, wie einige Damen sich über ihre gemütliche und ungezwungene Art sich zu geben beschwerten.

Die Frau Patscheider, die sich, wenn ihr Gatte anwesend war, ganz besonders dazu berufen fühlte, über Schickliches und Unschickliches zu urteilen, wandte sich mit schlecht verhehlter Empörung an ihre Nachbarin, die Frau Baurat Goldrainer: „Finden Sie nicht, Frau Baurat, daß die Sophie jetzt anfangt, gar a bissel zu vertraut zu werden. Das gehört sich schon gar nicht. Ein Unterschied muß doch sein. Sie ist ja doch bloß a Kellnerin!“ meinte sie, und ihre vollen Lippen verzogen sich geringschätzig.

Die Frau Patscheider war eine Frau in den schönsten Jahren. Groß, schwarz und üppig, ein bißchen zu üppig. Die schwere, goldene Uhrkette, die sie doppelt um den Hals geschlungen trug, lag straff gespannt über der schwarzseidenen Bluse, die den prallen Busen nur noch mehr zur Geltung brachte. Die Frau Patscheider machte den Eindruck, als hätte sie sich ganz besonders eifrig der Prozedur des Schnürens unterzogen. Sie atmete schwer, und wenn sie sprach, schöpfte sie immer erst tief Atem, als verursache ihr das Sprechen eine ungeheure Anstrengung.

Die Damen saßen alle in einem Kreis beisammen. Männlein und Weiblein waren streng geschieden. Nur die Professorin bildete hier abermals eine Ausnahme. Sie mußte an ihrer Seite stets ein Mannsbild haben, wie sie sich ausdrückte. Sonst fühlte sie sich nicht wohl. „An einer Seite wenigstens!“ lachte sie. „Damit ich auch einmal was anderes zu hören krieg’, als Kinder, Dienstboten und den andern Klatsch.“ Die Damen lachten ihr dann immer mit süßsaurer Miene zu. Die Professorin war halt einmal so. Daran konnte man nichts ändern.