Auch Frau Therese Tiefenbrunner hatte einen Tischnachbar. Sie hatte sich ihn zwar nicht ausgesucht, sondern er war für sie bestimmt worden. Nämlich der Herr Rat Leonhard.
Da der Herr Rat diese Abende als eine ihm von Gott auferlegte Prüfung ansah, in die er sich mit Würde und Anstand zu schicken wußte, so erachtete er es auch für seine Pflicht, bei diesen Gelegenheiten als Tischältester zu präsidieren. Und daß er dies nur an der Seite einer Dame konnte, war klar.
Da die Wirtin an den Damenabenden stets den Platz zu seiner Rechten innehatte und keine der Damen zu bewegen war, ihr diesen Platz zu nehmen, so blieb nur noch der Platz zur Linken des Herrn Rat frei. Eine jede der Damen hatte aber eine ganz bestimmte Abneigung dagegen, neben dem Herrn Rat zu sitzen.
Der Herr Rat pflegte an den Damenabenden einen völlig andern Menschen aus sich zu machen und allen ihm lieb gewordenen Angewohnheiten zu entsagen. Er verzichtete sogar mit Rücksicht auf die Vertreterinnen des schönen Geschlechtes auf seine ihm sonst unentbehrliche Pfeife. Der Herr Rat hatte in seiner frühen Jugend einmal gehört, daß es nicht anginge, in Gegenwart von Damen Pfeife zu rauchen; und das hatte er sich wohl gemerkt. Er wollte nicht unhöflich sein. Um keinen Preis! Und er wußte auch, was sich gehörte.
Daher rauchte der Herr Rat Leonhard an den Damenabenden nur Zigarren. Sie schmeckten ihm zwar nicht. Beileibe nicht! Aber er tat’s doch aus purer Höflichkeit und kam sich dabei als das größte Opferlamm vor, das je gelebt hatte.
Da der Herr Rat im Zigarrenrauchen keine Übung besaß, so behandelte er die Zigarren äußerst schlecht. Er biß darauf, kaute sie zur Abwechslung, entblätterte sie, schnitt sie auseinander, damit sie besser ziehen sollten. Kurz, er befand sich den ganzen Abend in einem unausgesetzten Kriegszustand mit seiner Zigarre.
Dies trug absolut nicht zur Besserung seiner Laune bei und vermochte auch nicht, sein Behagen zu erhöhen. Seine ganze Aufmerksamkeit wurde von dem tückischen, leblosen Gegenstand in seinem Munde in Anspruch genommen. Und wenn er sich auch noch so viel Mühe gab, möglichst unbefangen zu erscheinen und ein freundliches Gesicht zu schneiden, so brachte er es doch über eine verzerrte, griesgrämige Grimasse nicht hinaus.
Sprechen tat der Herr Rat überhaupt nichts. Nur ab und zu nahm er sich einen Anlauf und öffnete seinen Mund zu einer Rede. Da wurde dann immer nur eine Frage daraus. Und es war auch stets dieselbe Frage, die er von Zeit zu Zeit wie eine Offenbarung an seine Nachbarin zu richten pflegte. Für ihn war es auch eine Offenbarung. Das Resultat einer angestrengten Gehirntätigkeit, eine Erlösung von der Pein des Nachdenkens. Denn alles Nachdenken half nichts, es wollte ihm nie ein Gesprächsstoff einfallen.
Wenn der Herr Rat nach der gestellten Frage abermals in tiefes Nachdenken versank, schloß er die Augen und tat, als schliefe er. Nur ein heftiges Zucken gab Zeugschaft, daß er noch munter war und den Kampf mit seinem heimtückischen Glimmstengel auf eine andere Weise fortzusetzen suchte.
Wie ein feiner Sprühregen ergoß es sich aus seinem Mund fortwährend und ohne Unterbrechung. Fast lautlos setzte er den Kampf mit den Tabakblättern fort, die sich wie Kletten an seine Zungenspitze festzukleben suchten.