Daß die Damen es vorzogen, so weit als möglich von dem sonderbaren Herrn zu sitzen, war ihnen gewiß nicht zu verdenken.

Die lustige Frau Professor hatte einen Kriegsrat abgehalten. Ganz im geheimen und mit Ausschluß der Apothekerin. Da die Apothekerin unter den anwesenden Damen die älteste war, wurde beschlossen, ihr ein für allemal den Ehrensitz neben dem Herrn Rat abzutreten. Und mit viel Würde und unsagbar huldvoller Miene thronte Frau Therese Tiefenbrunner seither neben dem Herrn Rat Leonhard am Stammtisch beim Weißen Hahn ...

Es war tiefinnerstes Interesse, das Sophie Zöttl so genau aufpassen hieß bei der Unterredung zwischen der Professorin und dem Doktor Rapp.

Sophie besaß keinerlei Zuneigung für den Rechtsanwalt, und ihr Interesse an ihm war einzig und allein schlau durchdachte Berechnung. Doktor Valentin Rapp besaß alles, was Sophie begehrte. Er war reich, angesehen und nicht zu alt. Schön war er ja nicht, aber doch immerhin nicht häßlich. Und zur Not konnte sie sich ja gerade einreden, daß sie ihn ganz gern habe.

Verliebt war sie nicht. Das gestand sie sich selber vollkommen ehrlich ein. Denn dazu steckte ihr der Student, der Felix Altwirth, doch zu sehr im Kopf.

Sophie Zöttl wußte, daß diese Neigung zu dem mittellosen Studenten bei ihr vergehen würde. Sie mußte eben vergehen. Koste es, was es wolle. Jetzt galt es für sie, alle Karten auf ein Spiel zu setzen. Und dieses Spiel war Doktor Rapp.

Mit der geriebenen Schlauheit, die ihr und ihresgleichen im Blute lag, begann sie das Spiel. Wie eine Spinne fing sie an, feine, unsichtbare Fäden zu weben. Dichter und immer dichter, bis die Fäden zu einem Netz wurden, aus dem ein Entrinnen fast unmöglich war.

Doktor Rapp war es sich noch nicht bewußt, daß er den Mittelpunkt dieses fein angelegten Kunstwerkes bildete. Sophie wollte erfahren, in welchem Grade der Rechtsanwalt seine Unbefangenheit bewahrt habe. Und deswegen verfolgte sie die Unterredung mit der Professorin mit so gespannter Aufmerksamkeit. Sie wußte, daß es einzig und allein darauf ankam, den Doktor tunlichst lange in dieser Unbefangenheit zu erhalten, bis zu einem Zeitpunkt, wo ein Entkommen dann ausgeschlossen sein würde.

Hätte Doktor Rapp auch nur den leisesten Verdacht geschöpft, welches Attentat Sophie auf seine persönliche Freiheit plante, so wäre er mit groben, unbarmherzigen Fäusten dazwischen gefahren und hätte das ganze Gespinst weiblicher Schlauheit vernichtet.

Der Rechtsanwalt dachte mit keinem Gedanken ans Heiraten. Wenn man ihn damit neckte, so lachte er und sagte, er wolle sich’s noch überlegen. Es sei ja noch Zeit. Es könne ja sein, daß er noch auf den Geschmack komme. Bis jetzt halte er noch nicht viel vom Ehestand.