Die Professorin meinte dann jedesmal mit komischer Verzweiflung, daß der Doktor eine ganz außergewöhnliche Art von Ehefeind sei. Einer von jenen allerschlimmsten, die das Heiraten nicht „verschreien“ wollen, um der Ehe desto sicherer zu entrinnen.
In Wirklichkeit hielt sich der Rechtsanwalt Doktor Rapp zu Besserem berufen, als sich, wie er sich in ganz intimen Kreisen auszudrücken pflegte, mit Weib und Kindern ein Leben lang herum zu streiten. Er wußte, daß er hohe geistige Fähigkeiten besaß, und erachtete es für seine Pflicht, diese Fähigkeiten zum Wohle seiner Heimatstadt und seines Landes fruchtbringend anzulegen.
Doktor Max Storf hatte sich für diesen einen Abend zu den Herrschaften am Stammtisch gesellt und saß neben Fräulein Hedwig Eisenschmied und deren Schwager, dem Baurat Goldrainer.
Hedwig Eisenschmied war ein stilles, etwas verschüchtert aussehendes Mädchen, Mitte der Zwanziger. Der Altersunterschied zwischen ihr und Max Storf betrug höchstens zwei oder drei Jahre. Sie war klein und zierlich, hatte ein fein geschnittenes, blasses Gesichtchen und dunkle Haare, die sie in schlichter Art gescheitelt und tief im Nacken zu einem Knoten geschlungen trug.
Ihre hellen Augen standen in einem seltsamen Gegensatz zu dem tiefdunklen Haar. Sie verliehen ihr einen leicht ätherischen Anstrich. Ihre Bewegungen waren so langsam und bedächtig wie ihre Sprache. Sie machte den Eindruck, als hielte sie stets in ihrer Rede mit etwas zurück, als fürchtete sie durch ihre Offenheit sich zu schaden oder mißverstanden zu werden.
Völlig entgegengesetzt war das Äußere ihrer um viele Jahre älteren Schwester. Die Frau Baurat hatte schon leicht ergrautes Haar und sah älter aus, als sie war. Frau Goldrainer besaß ein Gesicht, das von Sorge erzählte, aber auch von Mut und Energie. Der schmale, scharf gezeichnete Mund verriet es, daß die Frau Baurat sich im Leben zu behaupten verstand. Sie machte keinen schüchternen Eindruck wie ihre Schwester, sprach resolut und mit etwas spitzer, schriller Stimme. Sie war groß und knochig, und das Hagere ihrer Erscheinung stach neben der üppigen, molligen Figur der Frau Patscheider ganz besonders unangenehm ab.
Fräulein Hedwig Eisenschmied nahm sich neben ihrer großen Schwester aus wie ein schüchternes kleines Vöglein, das sich Schutz und Schirm suchend eng an einen festen Halt schmiegt. Hedwig Eisenschmied fühlte es wohl, daß sich der junge Arzt um sie bewarb, und sie wußte es auch, daß es für eine ernste Verbindung kein Hindernis gab. Als die Tochter eines angesehenen Kaufmanns besaß sie Vermögen genug, um einen Hausstand gründen zu können.
Aus freiem Willen war sie bis jetzt ledig geblieben. Sie hatte keine rechte Lust zum Heiraten und war sich auch heute noch vollständig im unklaren, wie sie sich dem Doktor Storf gegenüber zu verhalten habe.
Da sie mutterlos war, besaß ihre ältere Schwester den größten Einfluß auf sie, und diese riet ihr, die Partie nicht auszuschlagen. Doktor Storf sei zwar mittellos, aber dafür ein schöner Mann, einer von jenen, um den sie einmal alle beneiden würden.
Doktor Storf war in der Tat eine äußerst angenehme Erscheinung. Er war nicht gerade schön, jedoch in seinem ganzen Auftreten ritterlich und elegant. Auf den ersten Blick sah man ihm den ehemaligen Korpsstudenten an. Sein Gesicht war ernst und sein Benehmen, besonders im Verkehr mit Damen, von außerordentlicher Zuvorkommenheit. Es war daher kein Wunder, daß er den Beifall der Frau Baurat fand und daß sie ihn gerne als Schwager gesehen hätte. Ihr eigener Gatte war gerade das Gegenteil von dem jungen Doktor, in seinem ganzen Wesen und auch in seinem Charakter.