Zu wundern war es nur, daß Hedwig keine tiefere Neigung für den jungen Mann bezeugte. Sie blieb kühl und gleichgültig, wie sie es eben bei allen früheren Bewerbern auch geblieben war. Auch jetzt hörte sie in ihrer ruhigen Art dem jungen Manne zu, wie er auf sie einredete, und sah ihn nur manchmal mit großen, scheuen Augen an. Es lag etwas Angstvolles in ihrem Blick, als fürchtete sie sich davor, den jungen Arzt näher kennen zu lernen.

Sie ist ganz gewiß das Gegenteil von Sophie, sagte sich Max Storf. Das Wilde, Unbändige des Temperaments ist bei ihr nie zu fürchten. Es wird ein stilles, gleichmäßiges Glück werden. Dabei stellte er aber im Geheimen doch Vergleiche an zwischen Hedwig Eisenschmied und der Sophie. So auch am heutigen Abend.

Sophie achtete nicht auf den jungen Arzt. Sie bemerkte es auch nicht, daß Max Storf sie nun schon seit geraumer Zeit nicht aus den Augen ließ und sie scharf beobachtete. Es entging Max keineswegs, daß Sophiens Aufmerksamkeit auf den Rechtsanwalt gerichtet war; und zum ersten Male fiel es ihm auf, daß das Mädchen anders zu Doktor Rapp war, als zu den übrigen Herren.

Mit den Augen des Kenners ließ er Sophiens ganze Erscheinung auf sich wirken. Er sah ihre große, volle Figur, sah die fast königliche Art ihrer Kopfhaltung, sah die Grazie in ihren Bewegungen, das Weiche, Schmeichelnde in ihrem Gang. Sah das derbe, dunkle Gesicht und die blutroten Lippen, die nach Küssen zu lechzen schienen, und sah, wie sie langsam und lässig ihre Hand von der Stuhllehne der Professorin nahm und sie leicht und wie unabsichtlich auf eine Hand des Rechtsanwalts legte, während sie sich jetzt mit anmutiger Gebärde zu ihm herunter neigte, um ihn nach etwas zu fragen.

Der junge Arzt sah auch, daß sie länger mit Doktor Rapp sprach, als es sich geziemte, und daß sie ihm mit einer Innigkeit in die Augen schaute, wie er es von diesem Mädel noch nie gesehen hatte. Und er sah es auch, wie Doktor Rapp sich leicht nach rückwärts neigte, dem Mädchen entgegen, und wie eine tiefe Röte sein ohnedies stets gutgefärbtes Gesicht überzog.

Und Doktor Storf wußte es seit jener Stunde, daß der Doktor Valentin Rapp, der eingefleischte Junggeselle, diesem Weibe verfallen war.

Es ging lustig her am Stammtisch. Die Frau Direktor Robler, die eine zwar ungebildete, aber immerhin sehr gutklingende Singstimme besaß, ließ sich die Guitarre bringen und begleitete ihre Lieder auf der Laute. Es waren muntere Volkslieder, Couplets und Koschatweisen. Wie sie ihr gerade in den Kopf kamen. Immerzu sang sie darauf los und freute sich wie ein Kind über den allgemeinen Beifall, den sie erntete.

Frau Robler war nicht mehr ganz jung, aber sie war lustig und sangesfroh. Gesellschaftliche Talente besaß sie außer ihrem Gesang keine. Sie war ruhig, und in ihrem Wesen lag eher etwas Unliebenswürdiges und Abstoßendes. Das verlor sich aber, wenn sie erst in Stimmung kam und auftaute. Diese Stimmung konnte durch ein Glas guten Weines am ehesten erreicht werden. Den Wein liebte sie genau so wie ihr Gatte, der manchesmal recht gerne einen Tropfen über den Durst trank.

Die Frau Apotheker Tiefenbrunner thronte mit dem Aufgebot ihrer ganzen Würde neben dem Rat Leonhard. Sie war die einzige von den Damen, die ihren Hut am Kopf behalten hatte. Es war ein runder, steifer Filzhut mit einer großen Straußenfeder, deren Spitze ihr seitwärts herunterhing und stets ihr rechtes Ohr zu kitzeln schien. Die Apothekerin hatte ein breites, fast lederfarbiges Gesicht, eine stumpfe Nase mit einer leichten Neigung nach oben, kleine, dunkle Augen und dichte, eng aneinander gewachsene Brauen. Ihr Hals war kurz und ungewöhnlich dick, so daß man hinter dem hochgeschlossenen Kragen unschwer einen Kropf vermuten konnte.

Frau Therese Tiefenbrunner trug ein hellbraunes Kleid von steifer, schwerer Seide, das durch den weißen Einsatz von echten Spitzen den Beweis erbrachte, daß die Frau Apotheker wohl die Mittel, jedoch nicht den nötigen Geschmack besaß, um sich gut zu kleiden. Schwere goldene Ohrgehänge, eine goldene Kette und Brosche sowie schöne wertvolle Ringe vervollständigten den Aufputz der Frau Apotheker.