Sie war eine kleine, gedrungene Gestalt, nicht zu dick, aber derb und knochig, und machte, obwohl sie schon eine hohe Fünfzigerin war, den Eindruck, daß sie sich durchaus gut erhalten hatte. Geduldig saß sie neben dem Rat Leonhard und trug mit keinem Wort dazu bei, sein Mißbehagen zu vergrößern.

Für so etwas wie für den Rat Leonhard und seine Schrullen besaß sie unbedingt ein volles Verständnis. Sie tat, als bemerke sie den feinen, lautlosen Sprühregen gar nicht, der unausgesetzt den erbitterten Kampf des Herrn Rat mit seiner Zigarre begleitete. Frau Tiefenbrunner machte dabei eine riesig wohlwollende und fast gönnerhafte Miene. Der Reihe nach lächelte sie jeden Einzelnen am Tisch an und hielt die kleinen, dicken, lederfarbigen Hände fest ineinander verschlungen vor ihrer Brust.

Ab und zu wechselte sie hinter dem Rücken des Herrn Rat ein freundliches Wort mit Frau Maria Buchmayr, der Wirtin, deren fettglänzendes und faltenloses Gesicht heute sanft und zufrieden strahlte wie der Vollmond in einer schönen Juninacht.

Öfters sah die Frau Apotheker auch hinüber zur Sophie, der Kellnerin. Aber es war entschieden ein Ausdruck äußersten Mißtrauens in ihrem Blick. Sie traute der Sophie nicht. Das konnte man deutlich sehen.

Da die Apothekerin von Haus aus eine gutmütige Frau war, unterließ sie es, irgendwen auf die Sophie aufmerksam zu machen. Zu was auch? Der Doktor Rapp war alt genug, um auf sich selber achtzugeben. Sie ging’s einmal nichts an. Und wenn der Doktor Rapp auch hineinsauste und die Sophie heiraten würde, sie würde ihn einmal nicht warnen davor, sicher nicht. Und sie würde sich auch sonst nicht einmischen. Aber dem Simon, ihrem Mann, wollte sie gleich noch heute abend ihre Bemerkungen mitteilen. Der würde Augen machen.

So etwas sah der Simon nämlich nie. Da war sie eine ganz anders scharfe Beobachterin. Ihr entging auch nicht der leiseste Vorfall auf dem Gebiete der Liebe. Zu verwundern war es nur, daß außer ihr keine einzige der Damen die drohende Gefahr zu bemerken schien.

Eine Gefahr war es ja doch entschieden für alle, wenn die Damen die einstige Kellnerin als ihresgleichen in ihren Kreis aufnehmen mußten. Die Apothekerin gönnte es ihnen schon im voraus. Das geschah ihnen recht! Sie gönnte es ihnen schon deshalb, weil die Damen, wie Frau Therese genau wußte, sie nie für ganz voll genommen hatten und sie unter sich immer noch die Kothlacknerin zu nennen pflegten.

Bei der bloßen Erinnerung daran stieg der Unmut und die Empörung in Frau Therese Tiefenbrunner auf. Ihr Blick war nicht mehr so wohlwollend wie früher, und ihre dicken, breiten Lippen lächelten nicht mehr so gütig. Es war ein dunkler, stechender Blick, den sie jetzt über die anwesenden Damen schweifen ließ. Und ingrimmig sagte sie zu sich selber: „Bagage, hochmütige! Recht g’schieht’s euch!“

Frau Therese Tiefenbrunner würde die Sophie nicht verraten. Die konnte von ihr aus den Advokaten ganz fest umgarnen. Recht geschah ihm. Ganz recht! Warum paßte er nicht besser auf.

Die Apothekerin hielt ihre Hände noch fester ineinander verschlungen, und ihre Lippen öffneten sich zu einem verständnisvollen und nachsichtigen Schmunzeln. Beifällig nickte sie der Sophie zu, die gerade zu ihr herüberschaute.