Frau Therese Tiefenbrunner ließ ihre kleinen, scharf beobachtenden Augen weiter wandern in dem Kreis der Tafelrunde, und sie sah, daß sich noch andere zarte Bande anknüpften, die auch den übrigen Damen nicht verborgen geblieben waren.
Als sie Fräulein Hedwig und Doktor Storf längere Zeit beobachtet hatte, fiel ihr mit einem Male ihr Neffe ein, der Felix Altwirth. Der mußte doch auch hier sein. Sie wußte es ja bestimmt, daß der täglich beim Weißen Hahn verkehrte. Der mußte unten sitzen an dem andern Tisch, der Felix, bei den jungen Leuten.
Die Apothekerin sah angestrengt nach der Richtung hinunter, wo sie Felix vermutete. Sie schaute und schaute und konnte ihn nirgends entdecken. Allerdings war die Beleuchtung etwas getrübt durch den dichten Tabaksqualm, der die Menschen und die Gegenstände nur wie durch einen Nebelschleier erkennen ließ.
Aber das war doch zu dumm, daß sie nicht einmal den Felix sah. Sie wischte sich die Augen mit den Fingern klar, um besser sehen zu können. Jedoch umsonst.
Frau Therese Tiefenbrunner achtete jetzt in ihrem Eifer, den Felix zu entdecken, gar nicht darauf, daß zu ihrer andern Seite die Frau Robler saß und sang. Sie beugte sich nach rechts und beugte sich nach links und erregte durch dieses etwas merkwürdige Gebahren die Aufmerksamkeit ihres Gatten, der ihr schräg gegenübersaß und gerade in ein wichtiges Gespräch mit dem Herrn Patscheider vertieft war.
„Was ist denn, Theres?“ frug er mit nervöser Unruhe. „Fehlt dir was?“
„Ah! Nur den Felix such’ ich. Ist er nit da?“ erwiderte sie.
Der Apotheker, der mit dem Rücken gegen den untern Tisch im Herrenstübel saß, wandte sich um. Dabei drehte er sich mit seinem Stuhl herum, behielt die Zigarre ruhig im Mund, setzte sich den Zwicker zurecht und schaute forschend über die Gläser hinweg in die Luft. Er wollte sich in aller Behaglichkeit einen Überblick verschaffen.
Eine ganze Weile saß der Apotheker so da, stemmte dann die beiden dünnen Arme in die Hüften und schüttelte nachdenklich und sehr bedächtig den Kopf. Dann schob er seinen Stuhl wieder zurecht, klemmte den Zwicker noch fester auf die Nase, sah seine Frau fest und starr an und konstatierte mit ruhiger Würde: „Ich hab’ ihn nit g’sehen.“
Eine Weile starrten sich die beiden Ehegatten in die Augen, als stünden sie vor einem großen Rätsel. Da mischte sich die Sophie ein, die den ganzen Vorgang beobachtet hatte. „Der Herr Altwirth ist schon nach Haus gangen, gnädige Frau. Er war nur ganz kurz da.“