„So, so. Schon da g’wesen ist er. Ich dank’ schön, Sophie.“ Herr Tiefenbrunner tat die Zigarre aus dem Mund, nahm bedächtig den Zwicker ab, der nun an der schwarzen Schnur baumelte, zog sein Taschentuch heraus, sah seine Frau an, legte seine Stirn in äußerst nachdenkliche Falten, fing an, den Zwicker zu putzen, setzte ihn mit zittrigen Händen wieder auf, legte sein kleines Köpfchen schief auf die Seite nach der Richtung, wo Doktor Storf saß, schielte über die Gläser hinweg auf den jungen Arzt hin und ließ sich endlich mit einer für seine Verhältnisse lauten und eindrucksvollen Stimme vernehmen: „Sie, Herr Doktor Storf, wissen’s, warum der Felix heut’ schon heimgangen ist?“

Dem jungen Arzt gab es einen Ruck, da er sich so plötzlich von dem Apotheker angeredet hörte. Als wäre er bei irgendeinem Vergehen ertappt worden, bedeckte eine tiefe Röte sein bräunliches Gesicht.

„Ich ... wie meinen Sie, Herr Tiefenbrunner?“ erwiderte er in ziemlicher Verlegenheit. Er wollte durch die Gegenfrage Zeit gewinnen, um sich eine Ausrede für seinen Freund zurechtzulegen; denn hier unter all den Leuten konnte er doch unmöglich mit der Wahrheit herausrücken.

Frau Therese sah die Verlegenheit des jungen Arztes und schöpfte sofort Verdacht. Sie war nicht gewillt, sich von Doktor Storf hinters Licht führen zu lassen, wenn die Sache mit Felix nicht ganz stimmen sollte. Daher nahm sie eine erwartungsvolle Haltung ein, rückte auf ihrem Sitz etwas vor, legte beide Arme auf den Tisch, als säße sie in der Kirche bei der Predigt, und sah andachtsvoll zu dem jungen Arzt hinüber.

„Ich mein’, Herr Doktor Storf, ob Sie mir vielleicht Auskunft erteilen könnten, wo der Felix, unser Neffe, am heutigen Abend hingegangen ist?“ Es war die Frau Apotheker Tiefenbrunner, welche die Frage stellte. Sie sprach langsam, betonte jedes Wort wie ein gewiegter Redner und ihre Stimme klang voll und etwas speckig. Das mochte wohl von ihrem auffallend dicken Hals herrühren.

Unwillkürlich schwiegen jetzt alle; denn Frau Theresens Stimme war laut vernehmbar. Sogar der untere Tisch der jungen Leute war etwas ruhiger geworden.

„Richtig, der Felix fehlt ja heut’!“ sagte Sepp Ganthaler. Er war ein junger Mann, Maler seines Zeichens, und liebte es, sein Künstlertum auch äußerlich ein wenig zur Schau zu tragen.

Doktor Storf verbeugte sich bedauernd: „Wo der Felix hingegangen ist, weiß ich nicht, gnädige Frau!“ sagte er dann ausweichend.

„So?“ Frau Therese tat sehr erstaunt. „Das wissen’s also nit, Herr Doktor? Aber vielleicht wissen’s, warum er zu so früher Stunde schon fortgegangen ist?“

Die Frau Professor Haidacher wechselte boshafte Blicke mit der Frau Patscheider und mit der Frau Direktor Robler. Es amüsierte die Damen stets köstlich, wenn Frau Therese ihr gewähltes Hochdeutsch sprach. Sophie sah mit festen, unverwandten Augen auf den jungen Arzt. Sie war bereit, ihm zugunsten von Felix Altwirth beizuspringen.