Die Apothekerin sah mit prüfendem Blick zu dem Advokaten hinüber. Sie sah, daß seine heitere Art nur gemacht war, und fühlte es, daß er sich in ihre Angelegenheiten zu mischen gedachte. Dieses Recht wollte sie ihm aber unter keinen Umständen zugestehen. Sie mischte sich ebenfalls nicht in seine Sachen und verwahrte sich daher auch gegen alle fremden Einflüsse, die da zugunsten ihres Neffen auftauchen könnten.
„Der Herr Doktor Storf weiß es ganz genau, daß er uns ein liebwerter Gast ist!“ fuhr sie in ihrer langgezogenen Sprechweise fort. „Und was meinen Neffen anbetrifft, den Felix Altwirth, so muß ich schon sagen, daß ich es, gelinde gesagt, merkwürdig finde, daß er heute abend nicht zugegen ist. Wo er doch weiß, daß seine Tante, nämlich ich, da sein tut. Und wo er mir doch den schuldigen Respekt zu erweisen hätte. Das ist schon höchst merkwürdig. Nicht wahr, Simon?“ wandte sie sich mit gekränkter Miene an ihren Mann.
Dem Apotheker war die ganze Geschichte höchst peinlich. Er wußte nicht recht, wie er sich eigentlich zu verhalten habe. Er hatte ein unbestimmtes Gefühl, daß seine Frau einen Ton anschlug, der nicht hierher paßte. Und doch war wiederum ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit mit seiner Frau in ihm, das ihn hieß, sie nicht im Stiche zu lassen.
Da er aber tatsächlich große diplomatische Talente besaß, so gab es für ihn nur wenige Schwierigkeiten, in denen er nicht einen Ausweg gefunden hätte. So auch jetzt wieder.
Der Apotheker sah zuerst seine Frau eine Weile starr an, verzerrte sein kleines, fahles Gesicht ganz schauderhaft, zog eine Falte nach der andern in die Stirn, so daß der Zwicker von der Nase fiel und er ihn wiederholt zurecht setzen mußte, und meinte dann mit ruhiger Würde: „Der Felix wird studieren müssen!“ Das sagte er im Ton vollster Überzeugung. „Wenn ich mich nicht irre, so wird er jetzt bald die Staatsprüfung machen müssen. Nicht wahr, Herr Doktor?“ fügte er hinzu, indem er sich an den jungen Arzt wandte.
Doktor Storf sah unwillkürlich zur Sophie hinüber. Es war ein Blick des Einverständnisses, den diese beiden miteinander wechselten. Er entging der Apothekerin nicht.
„Allerdings!“ erwiderte Max Storf ausweichend. „So wird’s wohl sein.“
Doktor Rapp unterhielt sich ziemlich laut mit dem Herrn Patscheider. Er wollte die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenken, da ihm die Verhandlungen über Felix Altwirth immer peinlicher wurden. Es war eine geschäftliche Angelegenheit, welche die beiden Herren in gleichem Maße interessierte.
Wenn aber Frau Therese sich einmal an einer Sache festgebissen hatte, so ließ sie nicht so leicht wieder locker. Sie besaß jetzt für nichts mehr ein Interesse, als für ihren Neffen Felix.
„So wird’s wohl epper nit sein, Herr Doktor!“ fing sie neuerdings an.