„Er hat sie nicht bestanden!“ fuhr die Sophie ruhig fort. „Weil er sie nicht hat bestehen können! Und warum hat er sie nicht bestehen können? Weil man einen Menschen nicht zwingen tut, ein Beamter zu werden, wenn er ein Künstler ist. Und weil er nämlich gar nichts dafür kann, und weil es ganz recht ist, und weil er jetzt nach München auf die Akademie kommen muß! Und dann kann er ein richtiger Mensch werden und sonst nit. Und weil die gnädig’ Frau schon einmal soviel für ihn getan hat und ihn hat studieren lassen, so wird halt gar nix anders übrig bleiben, als daß sie ihn jetzt auf die Kunst studieren laßt. Da kann man gar nix machen. Es muaß halt sein!“
Ein schallendes Gelächter brach unten am Tisch der jungen Herren los. „Bravo, Sophie! Bravo!“
„Sollst leben, Sopherl!“
„Der tapfern Streiterin, Fräulein Sophie Zöttl, ein Hoch!“ rief Hans Windhager, ein junger Ingenieur. „Die hat Schneid’!“
„Brav plädiert, Sophie!“ lobte der Doktor Rapp. „Ganz ausgezeichnet! Ich werde dich zu meinem Kompagnon ernennen!“ meinte er scherzhaft und hielt Sophie sein gefülltes Weinglas entgegen, damit sie daraus trinken sollte, was sie auch lachend tat.
„Ja, das wird auch das Gescheiteste sein, Herr Doktor, was Sie tun können!“ meinte Frau Therese mit nur schlecht versteckter Anzüglichkeit.
Es ärgerte sie gewaltig, daß sich Sophie diesen unverschämten Ton, wie sie es innerlich nannte, gegen sie erlaubt hatte. Und daß die Herren dazu noch lachen konnten! Denn sie sah es wohl, mit Ausnahme ihres eigenen Mannes freuten sich alle Männer über die schneidige Rede der Kellnerin.
Sogar der Herr Rat Leonhard unterbrach für einen Augenblick den stummen Zweikampf mit seiner Zigarre, nahm sie aus dem Mund, hielt sie vor sich hin, fletschte die kleinen, angefaulten Zähne wie ein quietschvergnügter Mops, zwickte die Augen zusammen und nickte ganz heiter und fröhlich der Sophie zu.
Der Apotheker machte einen bedauernswerten Eindruck, was nur dazu beitrug, die allgemeine Heiterkeit noch zu erhöhen. Wie ein Häufchen Elend saß er zusammengeknickt auf seinem Sessel und wußte sich für den Moment keinen rettenden Ausweg zu finden.
Nur die Damen waren für diesen einen Fall ganz entschieden auf seiten der Frau Apotheker. Frau Haidacher allerdings konnte sich vor Lachen kaum mehr fassen. Die rührende Unverschämtheit des Mädchens gefiel ihr zu gut. Und der Apothekerin, dieser dummen, arroganten Person, gönnte sie es vom Herzen.