Die Frau Patscheider sah mit empörten Augen zu ihrem Mann hinüber. Sie hatte es gesehen, mit ihren eigenen Augen gesehen, wie Herr Patscheider den Arm des Mädchens streichelte und sie ganz verliebt anstarrte. Na, der sollte ihr heute heimkommen! Dem würde sie’s sagen! Ob das ein Benehmen sei! Schämen sollte er sich, ein Mann in seinen Jahren und eine Kellnerin!

Nur mit dem Aufgebot ihrer größten Selbstbeherrschung hielt die Frau Patscheider an sich. Am liebsten hätte sie ihren Gatten hier vor allen Leuten zurecht gewiesen. Aber das ging doch nicht an. Das durfte sie nicht tun. So viel Rücksicht schuldete sie seiner Stellung. Das fühlte sie. Daher überwand sie sich und kam sich dabei vor wie eine Heldin.

Aber nicht nur die Frau Patscheider, sondern auch die andern Frauen hatten Ursache, mit ihren Männern unzufrieden zu sein. Es war das erstemal, daß das Eis gebrochen war, daß die Herren die Gegenwart ihrer Frauen vergaßen und sich Sophie gegenüber so benahmen wie an den übrigen Abenden.

Der Baurat Goldrainer trank der Sophie zu, und seine Gattin bemerkte, wie er ihr heimlich eine Kußhand schickte. Die Frau Baurat wußte es, daß ihr Gatte es nie allzu genau mit der ehelichen Treue genommen hatte, und daher befiel sie ein eifersüchtiger Argwohn. Eigentlich spürte sie eine innere gehässige Freude, daß sie ihren Mann nun wieder einmal „ertappt“ hatte.

Die Ehe des Herrn Baurat und seiner Gattin war bereits auf jenem Standpunkt angelangt, wo die Liebe sich in Haß verwandelt hatte und nur die Rücksicht auf die Kinder und die gesellschaftliche Stellung diesen Bund zusammenhielt.

Frau Goldrainer freute sich darauf, ihren Mann mit ihrer neuen Entdeckung zu quälen, und hielt jetzt schon innerliche Zwiesprache mit sich, wie sie ihm drohen wollte, daß sie nie wieder zum Weißen Hahn mitgehen würde, wo so eine „Person“ herrschte.

Und immer mehr redete sich die Frau Baurat für sich selber in eine tiefe Empörung hinein. Sie hatte doch geglaubt, daß der Weiße Hahn ein anständiges Lokal sei und Frau Buchmayr eine anständige Frau, die „so etwas“ nie dulden würde. Und mit einem Male wandte sich ihr ganzer Zorn gegen die Wirtin.

Es waren stechende, brennende, verächtliche Blicke, welche die arme Wirtin über sich ergehen lassen mußte. Von allen Seiten. Denn wie auf ein lautloses, allgemeines Kommando ließen auch die andern Damen die Wirtin plötzlich ihre stumme Entrüstung fühlen. Der Frau Maria Buchmayr wurde es schließlich so unbehaglich, daß sie sich schwerfällig von ihrem Sitz neben dem Herrn Rat erhob und so schnell sie konnte aus dem Zimmer humpelte.

Frau Therese Tiefenbrunner fühlte es instinktiv, wie die Damen in geschlossener Reihe hinter ihr standen und zu ihr hielten. Sogar die Professorin hatte auf einmal aufgehört zu lachen und war ganz ernst geworden.

Die Apothekerin fühlte ihre Stärke, und das verlieh ihr den Mut, den Angriff gegen Doktor Rapp fortzusetzen. Denn eine Genugtuung mußte sie haben für die Demütigung, die sie erlitten hatte, und Doktor Rapp gab ihr den besten Anhalt dazu.