„Es wird wirklich das Allergescheuteste sein, Herr Doktor ...“ fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, während der lautlose Stille im Herrenstübel geherrscht hatte ... „wenn Sie sich weniger um unsereins bekümmern tun und in erster Linie vor Ihnerer eigenen Türe kehren. Es hat nämlich jedermann gerade genug, wenn er auf sich selber acht gibt. Und was meinen Neffen, den Felix Altwirth, anbelangt ...“

Dem Doktor Rapp stieg das Blut schwer zu Kopf. Er war wütend aufgesprungen und hatte den Stuhl so stürmisch von sich gestoßen, daß dieser polternd hintenüber fiel.

„Sie gestatten, gnädige Frau, daß ich mir Anzüglichkeiten verbitte! Das dulde ich von niemand, von keinem Menschen, auch von einer Dame nicht!“ sagte er mit scharfer, schneidender Stimme.

Die gemütliche Lethargie, in der er sich sonst in Gesellschaft wiegte, war mit einem Male von ihm gewichen. In diesem Augenblick war Doktor Rapp nur mehr der schneidige Rechtsanwalt und rücksichslose Vertreter seiner Ansichten, als der er allgemein in der Stadt und auch im ganzen Lande bekannt war.

Doktor Rapp verbeugte sich höflich, zuerst vor der Professorin und dann gegen die übrige Tischgesellschaft, und sagte im gedämpften Ton: „Küss’ die Hand, gnädige Frau. Guten Abend, die Herrschaften.“

Patscheider hielt den Rechtsanwalt zurück: „Aber Herr Doktor!“ meinte er beschwichtigend.

Simon Tiefenbrunner hatte sich gleichfalls von seinem Sitz erhoben und trippelte nun mit nervösen kleinen Schritten zu Doktor Rapp hinüber. Er war so hilflos und verstört, wie wohl noch nie in seinem Leben. Bis jetzt war er nur immer in die Lage gekommen, den Frieden zu erhalten als eine außenstehende und ganz unbeteiligte Persönlichkeit. Heute war er jedoch unmittelbar an einer Sache beteiligt, oder, was noch schlimmer war, seine Frau war daran beteiligt, und das raubte ihm vollends sein seelisches Gleichgewicht.

„Aber Herr Doktor! Herr Doktor!“ stieß er beinahe stotternd hervor. „Sie werden mir doch das nicht antun. Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll!“ sprach er in hilfloser Verwirrung.

Patscheider, der für gewöhnlich gar kein Talent besaß, erregte Gemüter zu begütigen, vermittelte jetzt auf seine ganz besondere Art und Weise. Er hob den Stuhl vom Boden, den Doktor Rapp in seiner Erregung von sich gestoßen hatte, und zog den Rechtsanwalt mit gebieterischer Kraft darauf nieder.

„Alles, was recht ist, Herr Doktor!“ sagte er dann in bestimmtem Tone. „Wenn wir zwei uns hackeln und Sie rennen davon, das begreif’ ich. Aber wegen an Weiberg’wäsch, das ist nit der Müh’ wert! Das muß ich Ihnen schon sagen! Und Sie, Her Tiefenbrunner,“ wandte er sich schroff an den Apotheker, „erziehen’s Ihre Frau besser! Was sie mit ihrem Neffen anfangt oder nit anfangt, ist uns da gleichgültig. Das halten’s, wie Sie wollen! Aber es g’hört sich nicht, absolut nicht, daß solche Privatangelegenheiten öffentlich im Wirtshaus verhandelt werden. Sie haben mich hoffentlich verstanden, Herr Tiefenbrunner!“