Der Apotheker verbeugte sich mehrmals zustimmend, als habe ein hoher Vorgesetzter ihm eine Rüge erteilt. Auch nachdem sich Patscheider ziemlich brüsk von ihm abgewandt hatte, verneigte sich der kleine, magere Mann noch immer. Er war so erschrocken und ratlos, daß er sich noch gar nicht zu fassen wußte.

Eine bedrückende und ungemütliche Stille herrschte jetzt im Herrenstübel. Der Apotheker Tiefenbrunner schlich ängstlich zu seinem Sitz hinüber und wagte es für die erste Zeit gar nicht, seiner Frau ins Gesicht zu sehen. Auch Doktor Rapp hatte wieder Platz genommen und starrte ärgerlich und mit hochrotem Kopf vor sich hin. Er ärgerte sich über sich selber, weil er sich von seinem aufbrausenden Temperament hatte hinreißen lassen.

Frau Therese Tiefenbrunner war bei dem Ausbruch des Doktor Rapp so perplex gewesen, daß sie, ohne auf die Rede Patscheiders zu achten, noch immer mit offenem Munde dasaß und ganz erschrocken dreinschaute.

Sie erfaßte überhaupt den Sinn der Worte des Doktor Rapp nicht. Die Apothekerin war nur grenzenlos verwundert, daß sich der Doktor Rapp so aufregte. Das hatte sie ja gar nicht beabsichtigt. Beleidigen hatte sie den Doktor Rapp nicht wollen. Beileibe nicht! Sie hatte sich ja bloß verteidigen wollen. Sonst gar nichts.

Aber diese modernen Männer, aus denen konnte sie doch nicht recht klug werden. Da waren ihr die alten, wie der Rat Leonhard, doch viel lieber. Die verstand man wenigstens, auch wenn sie Schrullen und Unarten hatten. Das machte nichts, und grob wurden sie auch nicht gleich wie dieser Doktor Rapp.

Frau Therese atmete aber doch ganz erleichtert auf, als der Rechtsanwalt nun wieder dablieb, und sie war dem Patscheider ordentlich dankbar für seine Vermittlung. Es störte sie nicht, daß der jetzt auch noch seinen Senf dreingab. Sie hörte gar nicht auf ihn, weil nur der Doktor Rapp durch sein Davonlaufen nicht den ganzen Abend verdorben hatte.

Der alte Rat Leonhard bewies es am heutigen Abend, daß er seine Qualitäten besaß, und daß er wohl imstande war, eine ganze Gesellschaft zu erheitern, wenn er nur wollte.

Während im Zimmer noch lautlose Stille herrschte, sich alle mehr oder weniger verlegen ansahen und keinem ein erlösendes Wort einfiel, das über die peinliche Situation hinweggeholfen hätte, fing der Rat Leonhard auf einmal ganz lustig und vergnügt zu kichern an. Zuerst war es ein leises, stilles, vergnügtes Kichern, das sich aber immer mehr steigerte, bis der alte Herr dann schließlich laut hinauslachte.

Es gehörte zu den allergrößten Seltenheiten, daß der Herr Rat einmal lachte ... und wenn es geschah, so hatte es etwas geradezu Ansteckendes. So auch jetzt. Zuerst sahen sie einander am Stammtisch verlegen an, dann schauten sie auf den Rat Leonhard, der sich riesig zu belustigen schien und dabei ein ungemein komisches Gesicht schnitt.

Die Augen in dem runzligen, sonst stets verbissenen Mopsgesicht waren verschwindend klein geworden und erschienen nur mehr als zwei schmale Striche. Den ganzen magern Körper des Herrn Rat schüttelte es vor Lachen, und sein Kopf wackelte ununterbrochen hin und her wie der Perpendikel einer alten Uhr. Die Zigarre behielt er fest zwischen den Zähnen eingeklemmt und lachte in einem fort.