Die „Alte“ nickte und gab völlig kleinlaut ihre Zustimmung. Sie hatte im Laufe des Abends noch manches böse Wort der Damen mit anhören müssen und fühlte sich ganz klein und nachgiebig.
Da war die Frau Patscheider, die ihr gehörig zugeredet hatte und ihr erklärte, daß ein Künstler viel was Gescheiteres sei als wie ein Beamter.
Der Zorn der Frau Patscheider über ihren Gatten war bald verraucht. Sie war, als dieser durch sein energisches Dazwischentreten den Doktor Rapp zum Dableiben bewog, ordentlich stolz auf ihren Mann und verzieh ihm in diesem Augenblick alles. Er war doch ein großer Mann, dachte sie; da durfte man nicht so kleinlich sein. Und da sie zu bemerken glaubte, daß ihr Mann ein Interesse an dem Felix Altwirth nahm, so hielt sie es für ihre Pflicht, nun ihrerseits die Apothekerin tüchtig zu bearbeiten.
In allen Tonarten schilderte sie Frau Therese Tiefenbrunner das Künstlerleben. Wie schön das sei, und wie viel Geld das trage. Alles, was sie je darüber gehört und gelesen hatte, erzählte sie der Apothekerin. Und jede von den Damen brachte einen neuen Grund, warum der Felix ein Künstler werden müsse. Schließlich wurde es der Apothekerin ganz schwummrig im Kopf. Sie sagte zu allem Ja und Amen und sehnte sich dabei, nach Hause zu kommen und ihre Ruhe zu haben.
Jetzt am Heimweg begann auch noch ihr Mann davon zu sprechen, und das in so kategorischer Weise, wie er es nie zuvor getan hatte.
Frau Therese Tiefenbrunner war im Grunde ihres Herzens gut. Und ihr ganzer Widerstand gegen den Künstlerberuf ihres Neffen ging von dem einen ehrlichen Beweggrund aus, daß sie ihm eine gesicherte Existenz verschaffen wollte. Es war nicht Bösartigkeit, daß sie sich widersetzte, sondern Verständnislosigkeit. Sie hielt die Kunst für eine höchst unnotwendige und überflüssige Sache im Leben. Für etwas, wo man dabei verhungern konnte, wenn man wollte. Und trotz allem Zureden der Damen hatte sie keine andere Meinung bekommen.
Als sie jetzt ihrem Mann ihre Einwilligung gab, tat sie es mit innerem Widerstreben und handelte gegen ihre Überzeugung. Aber sie sah, daß es wirklich der ernste Wille und Vorsatz ihres Gatten war, und sie wollte den Frieden zwischen ihm und ihr erhalten. Sie beschloß jedoch, noch ernstlich mit dem Felix zu reden und ihm alles vor Augen zu stellen.
Nach ihrer Meinung hätte er als absolvierter Jurist ganz andere Aussichten haben können. Und wenn ihn das Jus schon nicht freute, so hätte er ja Pharmazie studieren können, um bei ihrem Mann ins Geschäft zu treten ...
Der Apotheker Simon Tiefenbrunner verkündete es gleich am nächsten Morgen persönlich seinem Neffen, daß er und seine Frau ihm seinen Wunsch erfüllen wollten. Er könne nach München auf die Akademie gehen.
München! Ein neues Leben tat sich vor den Augen des jungen Mannes auf. Ein freies, schönes Land, ein Traumland von Glück, Ruhm, Arbeit und Erfolg.