München! ... Felix Altwirth war so gerührt, daß er schnurstracks zu seiner Tante lief, um ihr zu danken. Im Überschwang seiner Gefühle vergaß er, wie viele bittere Stunden ihm diese Frau schon bereitet hatte. Er vergaß die bösen Reden, die sie ihm gegeben, und war so begeistert, daß er ihr sogar die Hand küßte, was er noch nie getan hatte.
Aber auch Frau Therese vergaß vollständig, daß sie ihm noch gute Ermahnungen und Lehren hatte erteilen wollen. Seine kindliche Freude rührte sie. Sie verstand diese Freude zwar nicht, aber trotzdem gefiel sie ihr ...
Mit leichtem Herzen nahm Felix Altwirth Abschied von seiner Heimat. Nicht einmal der Abschied von Sophie fiel ihm schwer. Er war voll Hoffnung und Zuversicht und voll Vertrauen auf seine Zukunft. Dort in der Stadt der Künstler würde auch er sein Glück erringen. Ein großes, seliges und dauerhaftes Glück.
Achtes Kapitel.
Die Apothekerin hatte damals abends beim Weißen Hahn den Doktor Rapp doch nicht unbillig zurechtgewiesen. Die Damen von der Stammtischgesellschaft beredeten es jetzt oft untereinander und bereuten es, daß sie so unachtsam gewesen waren. Sie hatten seitdem beinahe eine Art Ehrfurcht vor dem Scharfblick der Apothekerin.
Eigentlich hatte sie damals nicht nur den Doktor Rapp, sondern sie alle gewarnt. Er solle vor seiner Tür kehren, hatte sie gesagt, und es habe nämlich jedermann grad’ genug zu tun, wenn er auf sich selber achtgebe. Das war eine Warnung gewesen, die sie alle zusammen in den Wind geschlagen hatten.
Es war gut gemeint von der Apothekerin, wenn es auch grob ausgedrückt war. Das sahen sie jetzt alle ein. Die Apothekerin war halt einmal so. Etwas grob und unbeholfen. Und deshalb hatten sie Frau Therese Tiefenbrunner nie sonderlich ernst genommen. Mit Unrecht. Denn Frau Therese war doch eine gescheite Frau. Unbedingt war sie in diesem Fall die Scharfsichtigste von ihnen allen gewesen. —
Es gab ein ungeheures Aufsehen in Innsbruck, als der Advokat Doktor Valentin Rapp die Kellnerin Sophie Zöttl als sein eheliches Weib heimführte. Und so schnell und überstürzt trug sich dieses unerhörte Ereignis zu, daß die Innsbrucker erst wenige Wochen vor der Hochzeit davon Kenntnis erhielten. Nicht einmal seine besten Freunde hatte der Rechtsanwalt in diese Angelegenheit eingeweiht. Und sobald die Sache in Innsbruck einmal ruchbar wurde, war der Doktor Rapp schon nirgends mehr zu sehen.
Die Herren am Stammtisch schüttelten bedächtig die Köpfe. Sie waren nicht einverstanden mit der Wahl des Rechtsanwaltes. Eine Kellnerin, und wenn sie hundertmal die Sophie war, bedeutete halt doch keine standesgemäße Heirat. Man scherzte und lachte und unterhielt sich mit so einem Mädel, und wenn man wollte ... Die Herren sprachen sich nie klar aus über diesen Punkt, aber sie verstanden einander recht gut. Wenn man wollte ... ja, das schon ... aber man heiratete doch nicht gleich.