Der Winter war lang und schwer in der Gungl. Wenn draußen im Tal an den geschützten Stellen der Schnee den warmen Strahlen der Sonne zu weichen begann und die Hänge der Berge ab und zu ihr weißes Kleid mit dem grünen vertauschten, dann merkte man hier drinnen im engen, schluchtartigen Hochtal nur wenig von dem werdenden Frühling.
Ein einsames, abgeschlossenes Dasein war es eigentlich schon hier herinnen. Dieser letzte Winter ganz besonders erschien der Vef endlos und lange. Wenn sie nicht ihre drei Kinderchen gehabt hätte, die ihr vollauf zu schaffen machten, dann hätte sie wohl oftmals Heimweh verspürt nach dem Perlmoserhof. Denn so weltabgeschieden war man dort oben doch nicht wie hier in der Gungl.
Schließlich war sie ja noch jung, die Vef, und hätte manchmal ganz gern einen Hoangart mit Nachbarsleuten gehabt. So aber war außer dem Wastl und dem Göd rein gar niemand vorhanden, mit dem man hätte diskurieren können. Und der Göd zählte schon bald nicht mehr. Von Tag zu Tag schwand seine Kraft, und der Vef war oft recht bange davor, daß der alte Mann just in der allerschlimmsten Zeit dahinsterben könnte. So mitten im Winter, wenn sie oft wochenlang von aller Welt abgeschlossen lebten und der Schnee so hoch vor ihrer Hütte lag, daß sie kaum zu den Fensterscheiben hinausschauen konnten.
Mit vieler Müh' mußte da der Wastl den Schnee rings um die Hütte und bis zum Stadl hinüber wegschaufeln, eine Arbeit, die ihm fast keinen Tag erspart blieb. Denn täglich erneuten sich die Massen des Schnees und fielen dicht und unaufhörlich und hüllten neidisch jeden Ausblick, auch den nächsten, in ein undurchdringlich weißes, wirbelndes und flatterndes Tuch.
Wenn der Alte von der Gungl justament in so einer bösen Zeit dahingegangen wäre, dann hätte es geschehen können, daß man die Leiche vielleicht gar etliche Wochen im Haus hätte behalten und unter Dach einfrieren lassen müssen. Wie dies in abgeschlossenen Hochtälern bei strengen Wintern vorzukommen pflegt. In der engen Hütte, wo buchstäblich eines über das andere stolperte, auch noch eine Leiche zu beherbergen, dieser Gedanke allein machte das junge Weib in abergläubischer Furcht schaudern.
Es war ein weiter Weg zurückzulegen bis zum nächsten Kirchdorf. So an die vier Stunden rechnete man im Sommer, wenn die Wege gut und gangbar waren. Im Winter aber, bei Schnee und Eis, wo man sich jeden Schritt erst bahnen mußte, konnte man völlig die doppelte Zeit rechnen.
Eigentlich war's ja nicht zum verwundern, wenn die Vef manchmal recht übellaunig war und mehr schimpfte, als gerade notwendig gewesen wäre. Manchen Tag hatte sie in diesem letzten Winter, an dem ihr der Wastl rein gar nichts recht machen konnte. Denn daß ihre üble Laune in der Hauptsache ihr Mann zu fühlen bekam, das war eigentlich nur natürlich. Und der Wastl gewöhnte sich auch daran und sah es ein, daß sein junges, lebensprühendes Weib eben doch oft unter der Einsamkeit litt. Ein Glück, daß sie die Kinder hatte, die ihren Sinn ablenkten.
Als es draußen im Tal schon wieder zu sprossen und blühen anhub und herinnen in der Gungl die dichte, festgefrorene Schneedecke unter der warmen Frühlingssonne allgemach dahinschmolz, da war es mit der Lebenskraft des alten Göd auch zu Ende.
Ohne Schmerzen und ohne eigentliche Krankheit war der Alte dahingegangen. Ausgelöscht wie ein Licht, das kein Öl mehr hatte. Auf seinem gewöhnlichen Platz auf der Bank am Herd war der alte Mann eingeschlummert. Am Nachmittag, als es zu dunkeln anfing und sie alle in der Küche waren. In seinem gewöhnlichen Anzug, den Hut am Kopf und in dem grauen kurzen Lodenrock mit den schwarzen Samtstulpen, so war er dagesessen, hatte sich nur mühsam aufrecht halten können und hatte wie immer unverständlich und leise vor sich hingemurmelt.
Und auf einmal war er ganz still geworden. Und die Vef, die am Herd herumhantierte, glaubte, er sei eingeschlafen, wie das schon öfters der Fall gewesen war. Die Kinder spielten und kreischten, und der Wastl wiegte das Jüngste in der Wiege.