Freilich, jene ersten Fremden waren auch andere Menschen gewesen. Vornehme Leute, während es jetzt in der Hauptsache junge, genußsüchtige Menschen waren, die hier eine Abwechslung ihrer Lebensweise suchten und auch fanden. Und der Florian, der sich mit seinem Neubau in große Schulden gestürzt hatte, betrachtete jetzt seine Sängerreisen nur mehr als ein Geschäftsunternehmen, um für seinen Alpengasthof fürs erste immer neue Gäste anzuwerben und zweitens, damit er eher seine Schulden daheim abzahlen konnte.

Mit der Lust an der Sache entglitten ihm auch die Zügel, an denen er vordem seine kleine Truppe so stramm geleitet hatte. Schon der fortwährende Kampf mit der eigenwilligen Vef hatte den Florian mürbe gemacht. So strenge er einstmals über Sitte und Moral seiner anvertrauten Schar gewacht hatte, so nachsichtig war er mit der Zeit geworden.

Der Florian wußte es, und es wußten auch die andern, daß sowohl die Vef wie die Rosina einen lockeren Lebenswandel führten. Aber sie sprachen nicht darüber; denn sie schämten sich, daß es in der Heimat bekannt würde.

Noch hatten sie die Scheu vor der Heimat, diese reisenden Leute; wollten nicht gering geachtet werden und empfanden es wie eine eigene Schande, daß die beiden Perlmoser Schwestern sich über die herkömmliche Sitte hinwegsetzten. Denn die Rosina war wohl einem Manne in ein fremdes Land gefolgt, aber nicht als dessen ehelich angetrautes Weib. Und die Vef war mit der Schwester gegangen, nicht als Schutz für diese, sondern um ungehindert ihr eigenes Leben führen zu können.

Wild und schäumend war dies Leben und voll Genuß und brachte das Weib körperlich und seelisch herab. Denn bis zu jener Stunde, da der Wastl sie freigab, war sie als Weib rein geblieben. Voll innerlicher Gier nach Lust und Genuß und trotzdem rein. Jetzt, da sie sich frei fühlte, überkam es sie wie ein wirbelnder Rausch. Nicht einer Liebe allein frönte sie, sondern nahm ... völlig toll geworden, was sich ihr bot. Kannte keine Schranke und kein Gesetz. Kannte nur eines: leben und genießen.

Dies alles wußte der Florian ganz genau, und es verdroß und schmerzte ihn, und er war doch ohnmächtig dagegen. Die Verhältnisse waren stärker geworden, als er selber war. Mehr denn je war er gerade jetzt auf die Vef angewiesen; denn er brauchte Geld. Und dieses Geld konnte ihm nur die sieghaft lockende Stimme der Vef verschaffen.

Den ganzen verbissenen Ingrimm, den der Florian Siegwein sowohl gegen die Vef wie gegen die Rosina empfand, ließ er letztere entgelten. Mit der Rosina hatte der Florian kurz vor seiner Rückkehr in die Heimat noch einen heftigen Auftritt gehabt. Und hatte sie mit barschen Worten fortgehen heißen. Sie solle sich nicht unterstehen und wieder zu ihm kommen, sagte er. Dirnen könne er nicht gebrauchen. Und höhnisch herausfordernd hatte ihn die Rosina gefragt: »Aber die Vef? Gelt ... da denkst anders? Die darf wiederkommen, ha?«

Der Florian hatte sich wortlos abgewendet und sich so heftig auf die Unterlippe gebissen, daß sie blutete. Die Vef ... ja, die war die Mächtige und Starke und hielt ihn in der Hand.

Der Florian Siegwein war verdrossen und verschlossen in diesem Sommer und vermied es, wenn er konnte, sowohl mit dem Kramer Veit als mit dem Wastl zusammenzutreffen. Er hatte genug zu tun droben in dem Gasthof und nur wenig Zeit übrig für die alten Freunde. Der Kramer Veit suchte ihn auch nicht auf. War unwirsch und sehr wortkarg, der Kramer, in dieser Zeit. Aber der Wastl machte sich auf den Weg und ging zu dem Florian hinauf. Kam zu ihm ein über das andere Mal und bat und flehte.

»Nimm mi wieder mit, Florl ...« sagte er in dem treuherzig bittenden Ton eines hilflosen Kindes. »I halt's nit aus dahoam.« Aber der Florian blieb hart. Er wußte, daß die Vef die Trennung von ihrem Manne wünschte und wagte es nicht, ihr entgegen zu sein, so sehr ihm auch der Wastl innerlich erbarmte.