Und Menschenkennerin war die Zenz ebensowenig eine, wie es die Regina war. Die beiden Frauen trafen ihre Wahl in der Hauptsache nach den Empfehlungen schlauer, gewinnsüchtiger Dienstvermittlerinnen und zogen auf diese Weise Menschen in ihr Heimatstal, die besser nie dorthin gekommen wären.
Die Moral mancher dieser Leute war auf solchem Tiefstand, daß sie viel Unheil stifteten und der Kramer Veit mit Recht in immer größere Empörung geriet. Und völlig machtlos war dem allen gegenüber die Regina. Sie schwamm wie eine Ertrinkende in dem reißenden Strom des großen Unternehmens und hatte nur immer dagegen anzukämpfen, daß nicht doch noch alles zu guter Letzt in Brüche ging.
So gut sie es verstand, kämpfte sie dagegen, aber ihr Kampf war einseitig und unklug und bestand hauptsächlich darin, immer wieder die Preise für die Fremden zu erhöhen. Und dann zu knausern. Das Knausern betrieb die Regina so gründlich und so unvernünftig, daß ihren beiden Brüdern schließlich die Geduld riß und sie die geizige Frau im Stiche ließen.
Auf eigene Faust gründeten die beiden nun Unterkunftshäuser für die Fremden in einem der naheliegenden drei Hochtäler, heirateten und blieben zum Teil Bauern und zum Teil Gastwirte.
Der Kramer Veit und die Notburg hatten sich mit der Zeit gänzlich von der Regina zurückgezogen. Sie verstanden sich nicht mehr mit der Frau, die habgierig und dumm und doch wieder zu faul für rührige Arbeit war.
Auch der Anderl kam nur wenig mehr zu seiner Mutter hinauf und sie hegte auch kein Verlangen nach ihm. War nun schon ein gestandener junger Mann, der Anderl, und sah, auf den ersten Blick, dem Florl zum Sprechen ähnlich, so wie er in seiner Jugend gewesen war am Alpl droben.
Frisch und keck war der Anderl und geschmeidig von Gestalt. Und doch war es etwas ganz Eigenes um den Anderl. War ein sinnender junger Mensch, ein Träumer und Schwärmer, und hatte keine rechte Freude zur Bauerschaft und keine zum Handelsmann.
Das war das Leid des Kramer Veit und seiner Notburg. Sie wußten nicht recht, was sie mit dem Burschen machen sollten. Jetzt wäre er eigentlich in dem Alter gewesen, wo andere Burschen ans Heiraten denken. Aber der Anderl, blitzsauber wie er war, machte sich nichts aus den Mädeln. Er neckte sie wohl und scherzte mit ihnen, aber für keine einzige zeigte er ein tieferes Interesse. Und so schön wie es der Anderl gehabt hätte. Er brauchte nur zu wollen, und gleich hätte ihm der Kramer Veit die schmucke Villa übergeben.
Neben seiner Villa hatte Veit Galler schon seit etlichen Jahren einen großen Stall erbaut. Zehn Kühe standen darin, und viel Grund, Felder und Äcker ringsum hatte er erworben. Das wäre so sein Herzenswunsch gewesen. Ein richtiger Bauer sollte der Anderl werden, einer, wie es der alte Perlmoser war, der nichts Schöneres auf der Welt kannte als die Scholle, auf der er stand und arbeitete.
Der Anderl kannte freilich auch nichts Schöneres wie seine Heimat, aber er diente ihr anders, als es der Veit für ihn erwünschte. Er diente ihr mit seinem jungen, starken und sehnenden Herzen, ehrfurchtsvoll und erschaudernd vor ihrer Pracht und Größe.