Druck der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig / 1939

Copyright 1921 by L. Staackmann Verlag in Leipzig
Printed in Germany

Erstes Kapitel

Nach einem ungewöhnlich warmen Vorfrühling war neuerdings der Winter über Land gezogen. In toller Liebesfreude hatte der junge Lenz verschwenderisch seine Gaben verschenkt. Im Tale standen nicht allein die Aprikosenbäume schon in voller Pracht, sondern auch die Kirschbäume hatten ihr Sehnen nach neuem Leben nicht länger zurückhalten können und keimten und sproßten, bis ihre Blüten barsten und sie wie Bräute festlich geschmückt des Geliebten harrten.

Aber es war ein rauher Geselle, dem sie arglos vertraut hatten. Eisiger Wind durchbrauste nun das Tal und brachte Schnee. Viel Schnee, wie mitten im Winter. Die blütengeschmückten Äste beugten sich kummervoll unter der schweren Last, die ihre Herrlichkeit verdarb. Die Berberitzensträucher an den Wegen neigten die zarten grünen Äste tief der Erde zu, als strebten sie, voll Scham ihre karge Schönheit zu verbergen vor dem Wüstling, der sie zu vernichten drohte.

Bang und beklommen schauten die Bauern des Tales zu dem bleischweren Himmel empor. Wenn jetzt noch der Frost dazu kam, dann war's aus mit dem Erntesegen. Dann mußten die Blüten erfrieren, und die Frühsaat, die schon so prächtig aufgegangen war, mußte zugrunde gehen.

Und doch waren sie nicht unvorsichtig gewesen mit dem Anbau und hatten mit einem Wettersturz gerechnet. Freilich, daß er sich so verheerend einstellen würde, das hatten sie nicht erwartet.

Gar zu früh in der Jahreszeit war es ja auch nicht mehr. Karsamstag war's und ging dem Wonnemonat Mai entgegen.

Die Glocken der spitzen Kirchtürme in dem Tal läuteten zur Auferstehungsfeier. Hell und feierlich durchzitterte der Glockenton die lautlose Stille der Winterlandschaft, schwang sich von Dorf zu Dorf und kündete den Bewohnern des engen Tales die Botschaft von der Auferstehung des Herrn.

Sogar die Schwalben hatten sich heuer geirrt und waren zu früh ins nordische Land zurückgekehrt. Nun umkreisten sie aufgeregt schreiend die Dächer der Häuser, unter denen sie ihr junges Heim aufgeschlagen hatten.