„Wissen Sie,“ sprach dieser weiter, „wissen Sie, das gefällt mir gar nicht von Ihnen! Himmel, Schimmel, wenn man jung ist, soll man wie ein Eichkatzl sein und die Welt zusammenreißen vor lauter Lebendigkeit! Nicht so leutscheu und winkelheimlich! Wenn Sie sich jetzt sehn könnten! Das Gesicht! Die Milch gerinnt, wenn Sie hineinschaun! Was ist denn eigentlich mit Ihnen los?“
Und als Fritz auch darauf keine Antwort gab, schüttelte er bedenklich den Kopf: „Sonderbar, die Leute von heute! Der meinige ist gerade so! Wenn man Sie ansieht, meint jeder, Sie könnten nicht bis drei zählen. Und wenn’s nicht wahr wär’, möcht’ ich niemals glauben, daß so ein Mannl die Raubritter da oben zusammenhaut und die Kohlen so teuer macht, daß man sie bald nicht mehr wird bezahlen können!“
„Es hat so kommen müssen,“ antwortete Hellwig gedankenlos, „mein Verdienst ist’s nicht.“
„Kruzitürken und Chineser, bescheiden sind Sie auch? Das hat noch gefehlt! Sagen Sie mir nur, was hat man denn von der Bescheidenheit? Höchstens, daß man tüchtig übers Ohr gehauen wird. Auftreten muß man heutzutage: ‚So bin ich und wenn ich euch nicht pass’, steigt mir alle auf den Buckel!‘ — Das gibt einem erst Gewicht! — Mein Schwiegervater war auch so einer. Nur ja nicht merken lassen, daß er mehr versteht wie die andern. Und er hätt’ sie doch alle in die Tasche stecken können. Aber der dümmste Kerl hat sich vor ihm in der Sonne den Bauch wärmen dürfen, und er ist zufrieden im Schatten sitzen geblieben. So ein Wesen begreif’ ich einfach nicht.“ —
„Er hat ...,“ entgegnete Fritz versonnen, „er hat — die fremde Wärme nicht gebraucht. Er hat von uns überhaupt nichts gebraucht, hat alles in sich selber gehabt. — Wie Bettler sind wir vor ihm gestanden. Haben uns beschenken lassen und — konnten nicht einmal dafür danken. Weil er auch für unsern Dank zu reich gewesen ist. Wir — verlieren uns hundertmal — an die Erde — an die Menschen — verzetteln und verpulvern uns — damit wir nur nicht an uns zu denken brauchen und an unsere Armut. Glück suchen nennt man das. Er — ist mit sich allein geblieben — ist groß genug gewesen zum Alleinsein — und hat das Glück gehabt. Von den Ranken, die sein Herz getrieben hat, ist keine verdorrt. Sie sind um die Welt gewachsen, ja — ganz rund herum sind sie gewachsen und doch alle wieder in seinem Herzen zusammengekommen. So war er.“
Während er sprach, schaute er unablässig auf einen blauen Ölkäfer, der seinen dicken Leib träg über den Kiesweg ins Gras schleppte. Jetzt schwang sich ein Spatz vom blühenden Apfelbaum, nahm das Kerbtier in seinen Schnabel und flatterte durch den Sonnenschein davon. Ein paar weiße Blütenblätter fielen lautlos wie Flocken vom schwingenden Ast auf den grünen Rasen.
Wart Nikl räusperte sich und nahm Hellwigs Hand zwischen seine beiden.
„Ich versteh’ nicht, was Sie da gesagt haben. Aber fühlen kann ich’s schon, wie Sie’s meinen. Ein Alter, über den die Jungen so reden, der muß wohl viel wert gewesen sein.“ Und als ob er den düster Starrenden trösten wollte, fügte er hinzu: „Er hat Sie sehr gern gehabt.“
Fritz lächelte bitter. Über den Hof herüber rief die krähende Stimme eines Lehrbuben nach dem Kaufmann.
„Kopf hoch, Fritz!“ sagte er noch. Und mit verlegener Herzlichkeit: „Wissen Sie, ganz so ohne sind Sie auch nicht. Ich hab’ ordentlich einen Respekt vor Ihnen, Kreuzdonnerwetter! Den krieg’ ich vor solchen Grünschnäbeln nicht so bald!“