Die wecken uns all die Morgen

Beim braunen Mädelein!“

Ein übermütiges Jauchzen klang dem Liede nach.

Da riß sich Fritz ungestüm aus der weichen Stimmung. Was war ihm denn so Großes widerfahren, daß er müßig sein und schlaff werden durfte? Hatte sich eine Ranke, die sein Herz getrieben, um ein blondes Mädel geschlungen und war nach diesem Umweg wieder zu ihm zurückgewachsen? Fast höhnisch lächelte er. Nun, und wenn? Sollten deswegen die anderen verdorren? Er bewegte die Unterarme mit den geballten Fäusten vor sich, wie wenn er einen Stab zerbrechen wollte. Und den trotzigen Blick geradeaus gerichtet, als sähe er an den Stämmen vorbei nach einem nahen Ziel, schritt er durch den Wald. Niemand sollte ihn mehr abdrängen! Niemand!

Andern Tags reiste er ab. Beim Abschied vermied er, Eva die Hand zu reichen.

9.

Otto Pichler hatte das letzte Rigorosum abgelegt. Glühend vor Freude eilte er nach Haus, umarmte die Wondra, und dann, in seiner Stube, begann er unverweilt seine neue Unterschrift einzuüben. Dr. Otto Pichler. In markigen Buchstaben, mit einem schwungvollen Schnörkel. Aber das genügte ihm nicht. Er kniete auf den Fußboden nieder und wohl fünfzigmal schrieb er mit Kreide auf die braunen Bretter: Dr. Otto Pichler. Und immer markiger wurden die Buchstaben, immer besser gelang der Schnörkel.

Seine Beziehungen zu Hellwig hatte er schon längst wieder lose angeknüpft. Der Umstand, daß Heinz Wart, Kolben und Fritz bei den Freien Blättern wirkten, hatte auch ihn zu einer Schwenkung ins sozialistische Lager veranlaßt. Denn es schien ihm nicht unmöglich, daß er, von den einstigen Freunden unterstützt, auf dem guten Sprungbrett der Journalistik sich später in eine angesehene Stellung hinüberschnellen könnte, in ein Reichsratsmandat oder ähnliches. Klug und mit kühlem Bedacht arbeitete er auf dieses Ziel los. Er verstand gewandt, geistreich und witzig zu schreiben, sein Stil war wie seine Rede, flott, frisch und lebendig, und was seiner Überzeugung an Tiefe fehlte, ersetzte er durch schöne Worte und verblüffende Wendungen. Mit Warts Hilfe gelang es ihm, seine Aufsätze bei den Freien Blättern unterzubringen, und bald hatte er als Feuilletonist einen kleinen Ruf. Seine Schreibweise gefiel, das Publikum las die schaumleichten Sächelchen gern, die sich noch obendrein wissenschaftlich gaben und viele interessante Dinge ‚populär‘ darstellten. Aber auch mit den Herminonen kam er deswegen nicht über Kreuz. Er wußte alle heiklen Klippen geschickt zu umsegeln, so daß er nach wie vor ungestört in der Gesellschaft der Studenten verkehren konnte.

Hellwig aber hegte gegen ihn keinen Groll mehr. Er war reif genug geworden, um das Verhalten des einstigen Freundes damals bei der Satisfaktionsverweigerung als jugendliche Torheit zu belächeln. Nach wie vor glaubte er an die ehrliche Tüchtigkeit, hielt er viel von den Fähigkeiten des Schulkameraden, und von der fröhlichen Leichtigkeit, mit der Otto das Zutrauen der Leute und ihre Sympathien eroberte, ließ auch er sich immer wieder gefangen nehmen.

Als ihn daher, nach dem Ende des Streiks und der Aufregungen, die Ruhe und Tatenlosigkeit zu quälen anfing, während in Wien große Dinge sich vorbereiteten, der Kampf um das allgemeine Wahlrecht mit aller Wucht aufgenommen werden sollte und auch sonst dort, im Aneinanderprallen des kühnsten Fortschritts und der verbissensten Reaktion, die Kräfte immer frisch und stahlblank blieben, — als ihn das nun in der tiefen, schlaffen Stille der Provinz zu quälen und zu locken anfing, da schrieb er an Pichler, ob er sein Nachfolger werden wolle. Wenn ja, möge er sich bei der Parteileitung darum bewerben, er, Hellwig, gedenke wieder zu den Freien Blättern zurückzugehen.