Und Pichler, der neugebackene Doktor, überlegte sich das nicht zweimal. Hier bot sich ihm ein Anfang, ein festes Einkommen, eine selbständige Stellung und die Möglichkeit, von dort aufzusteigen, alles schöner, als er zu hoffen gewagt. Deswegen säumte er nicht lang, fuhr nach Wien, stellte sich vor, setzte alle Hebel in Bewegung. Und von Wart und Hellwig warm empfohlen, von Doktor Kolben nicht im Stich gelassen, glückte es ihm auch, den Posten zu erhalten.
Die Begegnung der einstigen Freunde war nicht gerade herzlich, aber auch nicht farblos. Eine Entfremdung war vorhanden, aber dafür auch jene ruhige Kameradschaft, wie sie zwischen Männern ist, die an demselben Werk mitarbeiten. Eine Woche verwendete Fritz daran, den Nachfolger einzuführen und sattelfest zu machen. Dann packte er seine Sachen und nahm Abschied von allen. Nicht leichten Herzens ging er fort. Und ungern ließen ihn die Arbeiter ziehen. Einzeln und in Abordnungen waren sie gekommen, hatten ihn umstimmen, zum Bleiben bewegen wollen. Und gar der alte Faßbinder hatte sich schon lang nicht hineinfinden können. Immer wieder war er auf die Schönheit der Gegend zu sprechen gekommen, auf die starke Luft, die Ruhe, auf alle Vorzüge der Gegend und seines idyllisch gelegenen Hauses. Und erst als das alles ohne Erfolg geblieben war, hatte er sich leidvoll in seine Kammer hinter einen Wall von Bierflaschen zurückgezogen und hatte dort mit Tränen in den Augen ohne Aufhören getrunken und getrunken, bis ihm der Kopf schwer auf die bier- und tränenfeuchte Tischplatte gefallen und das jammervolle Schluchzen in ein gewaltiges Schnarchen übergegangen war. Das war eine würdige Abschiedsfeier gewesen, denn betrinken tat sich der hoch geeichte Meergreis nur in ganz seltenen Ausnahmefällen. Und von jener Stunde an trug er das Unvermeidliche mit männlicher Fassung.
Pichler fand sich rasch zurecht. Viel brauchte es ja nicht dazu. Alle Wege waren ihm geebnet worden, alle Räder griffen pünktlich ineinander, Pfannschmidt arbeitete wie ein Zughund, und Otto hatte eigentlich nichts zu tun, als sich in das bereitete Nest zu setzen und zuzusehen. Sein schmiegsames Wesen, seine lächelnde Liebenswürdigkeit machten es ihm leicht, mit den Arbeitern schnell in ein gutes Verhältnis zu kommen. Und sie fanden bald, daß der Neue, der ihnen so freundlich um den Bart ging und der sie niemals durch eine kantige Schroffheit verletzte, daß der Neue nicht so übel wäre. Auch gefiel ihnen, daß er stets tadellos gekleidet ging, zu repräsentieren verstand und nicht in der Vorstadt wohnte, sondern nahe der Schriftleitung in einem schönen Zinshaus zwei Zimmer innehatte. So streute er diesen einfachen Leuten Sand in die Augen und blendete sie durch einen glanzvollen Schein. Er machte sich aber auch mit der ‚guten Gesellschaft‘ der Stadt bekannt und hielt es für nur selbstverständlich, Richard Deming, den einflußreichen Direktor der chemischen Fabrik, höflich zu grüßen, seit er ihm einmal in einer Versammlung vorgestellt worden war. Die Anna Bogner aber, die achtzehnjährige Tochter des Kesselwärters, erkor er sich — ohne Frauen konnte er nicht mehr sein — die Anna erkor er sich zu seiner heimlichen Geliebten.
Er sah das braunhaarige Mädchen, das in der Zeitungsdruckerei beschäftigt war, fast täglich und es gefiel ihm. Klein, rund und frisch, trug es sich immer nett und sauber, schaute aus klaren Augen vergnügt ins Leben und ließ beim Lachen alle Zähne blitzen. Es lachte gern und viel, war stets gutes Mutes, freute sich bei der Maschine auf den Feierabend, wenn es regnete, auf den Sonnenschein und wenn die Sonne schien, über den lustigen Glanz in der Welt und im jungen Herzen.
So war die Anna, bis sich ihr Schicksal erfüllte. Ganz gewöhnlich fing es an. Blicke herüber und hinüber, erst vorsichtig sondierend, bald aber kühner werbend und eindringlicher. Dann griff Otto nach dem Hut und grüßte. Da erschrak sie, sah darein, als faßte sie es nicht, war erstaunt, verlegen, geschmeichelt, hastete purpurrot weiter. Aber sie schaute doch noch einmal über die Schulter zurück, ob sie sich denn wirklich nicht getäuscht habe, und da stand der fesche Doktor mit dem dunklen Schnurrbart noch an der Ecke und winkte mit der beringten Hand.
Andern Tags klopfte ihr das Herz bis zum Hals hinauf, als sie ihn kommen sah. Beklommen trippelte sie vorwärts in Harren und Bangen, fürchtete schon, er sei gleichgültig vorüber gegangen. Aber da zog er gerade wieder höflich den Hut. Nun neigte sie, wie sie sich fest vorgenommen, mutig den kraushaarigen Kopf zum Dank, steif genug, verschämt und beglückt.
Dann dauerte es keine Woche mehr, bis er ihr ein Briefchen zusteckte und um ein Stelldichein für den Sonntag bat. Jenseit des Stromes wollte er sie treffen, draußen im Freien, wo schon die Wälder anfingen und nicht so leicht ein Bekannter hinkam.
Und das junge Ding zog sein bestes Kleid an, schmückte sich wie zum Fest und wartete eine halbe Stunde vor der angegebenen Zeit bereits am Waldrand.
Drei rote Rosen zwischen den Fingern, kam Otto gegangen und schon von weitem schwenkte er grüßend den weißen Panamahut. Mit einer Verbeugung überreichte er ihr die Blumen. Schüchtern griff sie darnach, steckte sie mit hastenden Fingern vor die atmende Brust, kam nicht gleich damit zurecht, schämte sich und stand mit gesenkten Wimpern in einer argen Verwirrung. Aber er half ihr rasch darüber weg, sagte ihr ein paar Artigkeiten im leichtesten Plauderton und benahm sich ungezwungen, als treffe er sie nicht das erstemal, sondern kenne sie schon lang und gut. Da verlor sie die Scheu, taute auf und fing nun ebenfalls zu erzählen an, von ihrer Arbeit, von den Tongebilden ihres Vaters, den Liebhabern ihrer Freundinnen. Gönnerhaft hörte er zu, fand das Schwatzen abgeschmackt, aber das Mädel hübsch und schritt, das Stöckchen schwingend, in fröhlicher Zuversicht an ihrer Seite.
Der Wald war still und erwartungsvoll, durch die grünen Büsche schimmerte es wie goldene Gewänder, blitzte wie sonnige Augen, mit blauen Kelchen standen die schlanken Glockenblumen, und die Anna pflückte sie zum Strauß. Weiße Waldorchideen ordnete sie mit hinein und die nickenden Blütenturbane des Türkenbunds, durch dessen Berührung Juno einst den Mars empfing. Geschmeidig bog sie den Körper, sprang wie ein Hirschlein zwischen den Bäumen und funkelte ordentlich vor Lebenslust. Immer besser gefiel sie dem jungen Manne. Unternehmend strich er den weichen Schnurrbart empor, faßte die Warme mit der Rechten von rückwärts um den Leib, bog mit der Linken ihr glühendes Gesicht zu sich herüber und küßte sie auf den Mund.