Sie lehnte sich leicht an ihn.
„Du!“ sagte sie erschauernd und ließ sich widerstandslos fortführen, tiefer und tiefer in den erwartungsvollen Wald.
10.
Hellwig war wieder im alten Fahrwasser, arbeitete viel, sprach in Versammlungen und ruhte sich bei Heinz von der Hetzjagd aus.
So oft er zu ihm kam, müd und abgerackert, oft erst spät abends, fand er den Tisch für sich mitgedeckt, Marie, die zarte, blasse Frau, kam ihm mit sonnigen Augen entgegen, und die Lampe leuchtete hell über weißem Tischzeug, sauberen Dielen und blankem Hausrat. Eng war das Gemach, war Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer, alles in einem, aber die freundlichen Geister des Behagens lugten aus allen Winkeln, schaukelten sich in den Falten der baumwollenen Fenstervorhänge, tollten, ein loser Schwarm, durch die offene Tür in die Küche, wo sie der Marie in den Rostbraten bliesen, daß das Fett prasselnd aus der Pfanne spritzte. Aber nicht immer gab es Rostbraten in der Pfanne. Manchmal, und namentlich wenn der Monatsletzte nicht mehr fern war, lief Heinz zum Greisler hinunter um Käse, Brot und Wurst, und auch ein paar Flaschen Bier brachte er mit herauf. Aber wenn dann die Marie fragte: „Wo hast du die Butter?“ oder „Wo ist denn der Emmentaler?“, da hatte er das gewöhnlich unten auf dem Ladenpult liegen lassen und mußte die vielen Stufen noch einmal hinab und hinauf.
Und wenn sie dann alle drei unter dem weißen Schirm der Hängelampe um den Tisch saßen, war es Hellwig, als sei alle Leidenschaftlichkeit der Fehde verbraust und aller Streit da draußen eingeschlafen, tief ruhig wurde er, und leise schlug ihm das stürmische Herz, ganz leise, auf daß es die heimliche Innigkeit dieser Stätte nicht störe, die voll Liebe und Frieden war. Und kein Schatten wäre in dieser reinen Helligkeit gewesen, wenn Marie nicht manchmal gekränkelt und immer anhaltender gehustet hätte.
Und bisweilen kam jetzt über Heinz wieder der alte Hang zum Herumstreifen in den Elendquartieren. Dann litt es ihn nicht in dem Frieden seines Heims, und mochte die Marie auch noch so freundlich bitten, er ließ sich nicht zurückhalten. Wie an Seilen zog es ihn fort. Da mußte auch Fritz aufbrechen, und manchmal begleitete er dann den Freund.
Und da trafen sie einmal mit Robert Karus zusammen. In einem Bierbeisel trafen sie ihn, wo er Lumpensammlern, Kanalstrottern und zittrigen Bettelleuten die Idee des Anarchismus erläuterte und für die Propaganda der Tat mit ungefügen Worten eintrat.
Hellwig erkannte ihn gleich wieder. Aber auch Karus hatte kein schlechteres Gedächtnis. Mit einem lauten „Hei!“ ließ er die Faust auf den Tisch fallen und rief: „Da schaut her, der Bergprediger! Wie geht’s, Herr Bergprediger, wie steht’s? Ist die friedliche Rebellion vorüber? Fressen die Hündlein wieder hübsch brav aus der Hand?“
Aber ehe Fritz noch antworten konnte, hatten sich die andern Gäste bereits um Heinz geschart. „Das ist ja der Herr Wart!“ — „Guten Abend, Herr Wart!“ — „Wir dachten schon, Sie hätten uns ganz vergessen, Herr Wart!“ hieß es. Sie schüttelten ihm die Hände, waren von dem Wiedersehen sichtlich erfreut.