„Also das ist der Ausbund, der so haarsträubend edle Werke tut!“ sagte Karus und musterte den schmächtigen Mann mit einem raschen Blick von oben bis unten. „Hand her, Heinz Wart!“ rief er dann. Er hielt ihm die haarige Tatze hin. Wart legte seine kühle, schmale Rechte hinein. „Endlich treffe ich Sie!“ sagte Karus mit gedämpfter Stimme. „Ist höchste Zeit gewesen, sonst wär’ ich Ihnen nächster Tage auf die Bude gerückt. Wir zwei gehören nämlich zusammen wie Faust und Arm!“

Heinz war es gewöhnt, auf seinen Streifzügen mit den absonderlichsten Kostgängern des lieben Herrgotts in Berührung zu kommen. Deswegen wunderte er sich nicht weiter über das Gehaben des struppigen Kumpans, setzte sich schweigend zu ihm an den Tisch und Hellwig ebenfalls. Diesem war die Begegnung sehr erwünscht, denn er hoffte jetzt den seltsamen Menschen näher kennenzulernen, der mit ein paar hingeworfenen Worten seine Gedanken wochenlang zu beschäftigen vermocht hatte. Er konnte sich nicht klar werden über das Gefühl, das er für oder gegen ihn hegte, spürte etwas seinem eigenen Wesen Verwandtes in ihm und doch auch wieder etwas, was ihn schroff abstieß und zum Widerspruch reizte.

Dem Karus mochte es ebenso gehen. Die Art, wie er den ‚Bergprediger‘ behandelte, war halb kameradschaftlich, halb gehässig, und immer lief daneben überlegener Spott mit. Jetzt saßen sie also beisammen in der schweren, verdorbenen Luft, tranken schales Bier und die verluderten und zermürbten Gesellen an den anderen Tischen rückten möglichst nahe zu, spitzten die Ohren, und jedesmal, wenn Heinz eine Bemerkung machte, lächelten und nickten sie einander zu, stießen sich an und taten, als wäre ihnen ein Heil verkündet worden, wenn sie auch kaum die Hälfte aller Worte vernehmen konnten. Karus aber rüstete sich zu einem Strauß mit Hellwig.

„Also was?“ sagte er. „Sind Sie in der Provinz glücklich fertig? Wo predigen Sie denn jetzt? Und worüber, wenn’s zu fragen erlaubt ist?“

Fritz wurde nicht zornig und wurde nicht grob. Ganz gelassen blieb er und antwortete so naiv und unbefangen, als es ihm möglich war: „Gegenwärtig geht’s um das allgemeine Wahlrecht.“

„Schöne Sache!“ entgegnete Karus, mit dem mächtigen Schädel nickend, tiefernst. „Schöne Sache! Würdig der edelsten Begeisterung! Nun denken Sie sich aber mal eine große Menagerie. Da sitzen die Tiere alle in engen Käfigen. Der Löwe, der Tiger, die Gemse, der Falk, der Adler, alle sitzen sie in ganz engen Käfigen. Und den Menageriebesitzer wandelt eines Tages ein Mitleid an oder eine gnädige Laune, er stellt einen etwas größeren Zwinger auf und erteilt den Bestien die Erlaubnis, je eine aus ihrer Mitte, welche sie halt wollen, in den größeren Käfig zu entsenden. Und dann springen die abgesandten Löwen, Tiger, Gemsen, Falken, Adler dort drin herum, stoßen mit den Köpfen an das gesetzmäßige Gitter, verletzen sich die Pranken, zerbrechen sich die Flügel, beißen sich die Zähne aus. Und die anderen Vieher sehen das und schreien, quieken, krächzen, brüllen: ‚Hoch unsere Freiheit! Hoch unser allgemeines Wahlrecht!‘ Aber die Eisenstäbe zerbrechen, den Wärter in Fetzen reißen? Das fällt keinem ein! Dazu sind sie zu faul und zu träg! Sie fauchen wohl gegen ihn, aber kommt er ihnen mit der spitzigen Gabel an den Leib, dann ducken sie sich und heulen! Denn schließlich gibt er ihnen doch zu fressen.“

„Sie sind ein sonderbarer Schwärmer, Karus,“ erwiderte Fritz. „Ich meinerseits glaube aber trotz Ihrer schönen Vergleiche, daß das allgemeine Wahlrecht ein guter Sturmbock ist, mit dem wir die Gitter schon brechen wollen. Nur haben müssen wir’s erst!“

Karus lächelte mitleidig.

„So sagen Sie mir doch einmal, was wir nach Ihrer Ansicht eigentlich tun sollen, um frei zu werden?“ rief Hellwig ungeduldiger.

Da ging ein heftiger Ruck durch die gedrungene Gestalt des wilden Gesellen, aus seinen Augen brach ein unbändiges Feuer. Aber seine Stimme klang beinah gemütlich, als er jetzt sagte: „Dreinschlagen!“