„Wozu?“ meinte Hellwig achselzuckend. „Wir erreichen auf friedlichem Weg mindestens genau so viel.“
Da klopfte ihm Karus auf den Rücken und sprach: „Lieber junger Freund, wie stellen Sie sich denn das vor: Auf friedlichem Weg? Die wilden Tiere im Käfig wollen heraus, nicht wahr? Und wenn nun so eine graziöse Löwendame oder ein feuriger Tigerjüngling kommt und den Wärter bittet, er solle doch so freundlich sein und das unangenehme Gitter entfernen, so wird der Wärter natürlich nichts Eiligeres zu tun haben, als diesem gewiß berechtigten Wunsche zu willfahren. Alle Bestien wird er herauslassen, damit sie dann über ihn herfallen und ihn vor lauter Dankbarkeit auffressen. Nicht wahr, so würde es kommen? Und das ist das, was Sie meinen mit dem ‚Auf friedlichem Weg‘?“
„Nicht so ganz, Herr Karus. Sie sagten ja vorhin selbst, daß der Käfig, wie Sie sich auszudrücken beliebten, immer weiter wird. Nun, und einmal wird er eben so groß sein, daß wir das Gitter nicht mehr sehn und spüren. Das ist doch gewiß auf friedlichem Weg zu erreichen.“
Karus lachte hell auf.
„Und das soll die Freiheit sein? So stellen Sie sich die Freiheit vor? Wirklich so? Ich bedanke mich für so eine Freiheit! Ich will fliegen — und stoß’ mir den Schädel an der Decke ein. Ich will ein bissel weiter spazieren gehn, krach, renn’ ich — ob früher, oder später, einmal doch — ans Gitter und kann nicht weiter. Muß ich da nicht die Stäbe zerbrechen, wenn ich hinaus will? Und wenn ich allein zu schwach bin — zum Teufel, hundert Fäuste knicken das Zeug schon entzwei! Aber feig sind die Kerle! Feig und faul! Ihr eigenes Fleisch haben sie zu lieb, und ihre einzige Sorge ist der Magen! Nein, nein, Bergprediger, damit ist’s nichts! Wenn der Zwinger auch noch so groß ist, es bleibt eben immer ein Zwinger. Und die Freiheit verträgt kein Gitter!“
Heinz saß da, die Linke vor den Augen und die Stirn in die Spanne zwischen Daumen und Zeigefinger gestützt, hielt ein abgebranntes Zündholz in der andern Hand und versah die runden Umrisse der Bierlachen mit strahlenförmigen Ausläufern. Mit Fleiß und Sorgfalt tat er das und bemühte sich, alle gleich lang und schön regelmäßig zu machen. Aber als Karus schwieg, begann er unvermittelt zu sprechen.
„Nein,“ sagte er, „kein Gitter und kein Eisen. Weil wir ja keine wilden Tiere sind, sondern Menschen. — Es sollte keine Fesseln unter uns geben, keine Käfige und keine Kerker. Und es sollte auch niemand unter uns Macht haben, andere darin festzuhalten. Weder ein einzelner noch ein Volk oder ein Staat. Niemand. Weil — wer nicht für mich ist, der ist wider mich ... das ist auch eine falsche Formel. Jeder für sich — und keiner wider den andern: so müßte es sein. Und bis das so sein wird, dann sind wir alle edel genug, die Freiheit zu ertragen. Weißt du, Fritz ...“
So redete er, und da er seine Haltung nicht änderte, war es, als ob er in die Tischplatte hinein spräche. Aber das Zündholz war in seiner Hand zerknickt, und seine Wangen waren ganz tiefrot geworden.
„Gehn wir!“ sagte er nach einer langen Pause und atmete schwer auf.
Sie traten ins Freie. Karus faßte ihn unterm Arm. „Faust und Arm!“ sagte er noch einmal. „Oder Muskel und Nerv! Komm, Heinz Wart!“