Fritz ging schweigend nebenher und sah in den Himmel hinauf, der ganz hell ausgesternt war. Und wieder fühlte er, wie schon öfter: wenn der stille Heinz seine leidenschaftliche Stunde hatte, dann sagte er Dinge, die seltsam überzeugend klangen. Und er sagte sie in so sonderbar eindringlichem Ton, daß keine Entgegnung sich regen konnte. Und doch mußte es eine Entgegnung geben, das spürte er ganz deutlich und wußte nur nicht, wo die Lücke war, wo er den Fuß einsetzen mußte, um über die glatte Mauer hinüberzukommen.
Karus fing an, aus seinem Leben zu erzählen.
Er war Hilfslehrer gewesen, aber seine vertrotzte Natur konnte sich in kein Joch beugen. Statt die Buben zu pflichtbewußten Staatsbürgern zu erziehen, redete er zu ihnen von der sozialen Bewegung und vom Anarchismus, füllte ihre jungen Seelen mit dem wilden Freiheitsdrang, der in ihm selbst brauste. Keine Verwarnung fruchtete. Schließlich wurde er auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Da wußte er, woher der Wind blies und kam um seine Entlassung ein. Und dann durchwanderte der Doktor der Weltweisheit Robert Karus fast die ganze Erde, machte den Aufstand der Insel Kreta mit, war auf den Philippinen einer der Insurgentenführer, wurde in Rußland wegen nihilistischer Umtriebe nach Sibirien geschickt, floh von dort durch Persien über den Ganges nach Indien und war jetzt endlich wieder in seine Heimat zurückgekehrt, als Fünfzigjähriger dieselbe Glut und Freiheitssehnsucht im Herzen, die ihn als Jüngling in die Welt hinausgetrieben hatte. Vorläufig wollte er ausruhen, wie er es nannte, und verdiente sich sein karges Brot, indem er armen Handelsbeflissenen, die in Anbetracht der geringen Vergütung gern sein verwahrlostes Äußere mit in den Kauf nahmen, Unterricht in Französisch, Englisch, Spanisch, Russisch erteilte.
Heinz Wart schloß sich seit diesem Tage ganz an den alten Revolutionär an, war fortwährend mit ihm beisammen und wurde noch blasser und stiller als vorher. Und noch größer und rätselvoller als vorher standen ihm die heißen dunklen Augen im schmalen Gesicht.
11.
Pichlern ging es ungemein wohl. Sein Schifflein schwamm auf glatter Flut, kein böser Windstoß rührte gefährliche Wogen auf, nirgends zeigte sich eine Wetterwolke. Die Arbeit lief wie am Schnürchen, die Leute hatten ihn gern, er war überall beliebt. Und wenn ihm etwas seine Laune trübte, so war’s jetzt sein Verhältnis zur Anna Bogner.
Sie hatte ihm alles gegeben, was so ein schlichtes armes Ding einem Mann wie Pichler überhaupt zu schenken vermochte, stand nun ratlos, fremd, wie verloren in der Welt und hatte niemanden, an den sie sich klammern konnte, als eben ihn. Gerade das aber wurde ihm bald lästig, der Reiz der Neuheit war vorbei, der Schmetterlingsstaub von den Flügeln gestreift, die einfache reine Seele des guten Kindes konnte ihn nicht fesseln. Es kam die Überlegung, die Furcht vor einer möglichen Entdeckung, der Überdruß. Seltener bat er sie um eine Zusammenkunft, entschuldigte sich mit dringenden Geschäften. Und sie ließ sich alles gefallen, sah ihr Glück — es hatte kaum sechs Wochen gewährt — verblassen und war geduldig und gläubig und treu wie ein Hund. Aber ihre Munterkeit war weg, kaum lachte sie noch oder freute sie sich über den Sonnenschein.
Und endlich blieb Otto ganz fort. Acht, vierzehn Tage wartete sie, aber er gab kein Lebenszeichen, war für sie wie vom Erdboden verschwunden.
Er birschte in anderen Gefilden. Dort war Grete Deming, die Tochter des kaiserlichen Rates Richard Deming, der bei der großen chemischen Fabrik den Direktorposten innehatte. Das war ein scharfsichtiger und besonnener Selfmademan, dem das kühle Blut auch in den schwierigsten Lagen nicht in raschere Wallung kam. Er war von festgefügtem Knochenbau, ziemlich groß, stark, doch nicht fett, hatte breite Hände und trug den grauen Backenbart zu beiden Seiten des ausrasierten Kinnes kurz geschoren. Nie war das Unternehmen besser geleitet, der Gewinn größer gewesen, als seit Deming an der Spitze stand. Geschäftsmann durch und durch, von modernem Geist erfüllt, kühn und wagemutig, wußte er günstige Marktlagen rasch zu packen, tatkräftig auszunützen und hatte noch immer gegen die Vorsichtigen und Ängstlichen recht behalten. Er war seit Jahren Witwer und hatte eine Tochter, das Fräulein Grete Deming, eine dunkeläugige Schöne, die gertenschlank auf dem Kutschbock saß und mit festen kleinen Händen ihren Traber lenkte. Umschwärmt und begehrt, ging sie gleichgültig an dem Schwarm ihrer Bewunderer vorbei, nicht warm, nicht kalt, ein wenig hochmütig, ein wenig herablassend und sehr selbstbewußt. Sie war schön, war jung, das einzige Kind ihres reichen Vaters und deshalb nahm man ihr nichts übel, fand auch ihre Unarten reizend, und viele Mädchen der Stadt gingen mit leicht vorgebeugtem Oberkörper und leise schaukelnden Hüften, trugen Reitgerten und rauchten Zigaretten, ganz wie Grete Deming. Es gab eine Grete-Deming-Frisur, ein Barett, einen fußfreien Rock, eine Tüllkrause à la Grete Deming. Aber keiner einzigen saß die runde Nerzmütze mit dem Reiherstoß so fesch auf welligem Haar, fiel der glatte Rock auf einen so tadellos fein geknöchelten Fuß, hob sich pfirsichfrisch und rassig aus den weißen Tüllwogen ein so pikantes Gesicht — wie eben dem Fräulein Grete.
Pichler sah sie vorüberfahren, blickte ihr nach und stand wie gebannt. Ein eigenes Gefühl drängte sich in sein Herz, weh und schmerzhaft, als sei ihm ein Glück bestimmt gewesen, und er habe es leichtsinnig selbst verscherzt. Unwürdig kam er sich vor und doch wieder wertvoll genug, nach den höchsten Kränzen zu langen. Verheißende Möglichkeiten blitzten in der Ferne, Ahnungen von Genüssen, um die er sich gebracht, Sehnsucht nach einer geistreichen und glanzvollen Gesellschaft, von der er sich freiwillig ausgeschlossen hatte. Fast reute ihn, daß er so offen eine politische Gesinnung zur Schau gestellt hatte, statt in ein Staatsämtchen zu schlüpfen oder einen anderen standesgemäßen Beruf zu ergreifen. Und stärker und bestimmter kam ihm der Vorsatz, daß seine jetzige Beschäftigung nur einen Übergang darstellen durfte, da weder seiner Stellung als gebildeter Mensch, noch seinen Fähigkeiten der ständige Verkehr mit den untersten Volksschichten angemessen sei. Und so begann er denn seine Läuterung dort, wo ihm der Verkehr mit den untersten Volksschichten dermalen am unangenehmsten geworden, bei Anna Bogner. Er war sich selber für ein solches Verhältnis zu gut geworden.