Pfannschmidt blätterte in den Manuskripten, die er vor sich ausgebreitet hatte. Dann sagte er: „Also mit dem Leitartikel sind Herr Doktor einverstanden? Was bringen wir denn unterm Strich?“
Otto biß sich auf die Lippe. Er fühlte, daß ihm hier die Ausrede nicht geglaubt worden war. Aber er faßte sich schnell.
„Unterm Strich? Haben wir nicht irgendeine verliebte Geschichte lagern? So was zieht immer!“
12.
Fritz, Heinz und Karus schlenderten mitsammen durch die Großstadt. Es war ein schöner Vorfrühlingstag. Die Sonne glänzte am blauen Himmel, hing durchsichtige Silberschleier vor die Fronten der Mietkasernen, machte die Fiakerrosse fröhlich, und sogar den geplagten Pinzgauer Hengsten vor den schweren Fuhrwerken verlieh sie ein gemütliches Aussehen. Zwischen lautlos gleitenden Elektromobilen, Automobilen, Karossen und Straßenbahnwagen bewegten sich rasselnde Streifwagen, Handkarren, Radfahrer. Eisen klirrte, Pferde wieherten, Kutscher schrien „Ooooohb!“, das klingelte, ratterte, stampfte, dröhnte, surrte, tutete ohrenbetäubend durcheinander. Und auf den Gehsteigen wimmelten die Menschen, Hut neben Hut und Ellbogen bei Ellbogen, vereinigten sie sich rechts und links der Straßenzeile zu je einem ununterbrochen flutenden schwärzlichen Strom, der langsam wogte, still stand und wieder vorwärtsdrängte. Es sah aus, als würde hier das Blut der Stadt durch die Stöße eines unsichtbaren Herzens im Kreislauf erhalten. Nur vor den Kirchen schien es zu stocken. Die Kirchentüren waren offen, fremd leuchteten die gelben Kerzenflammen aus den dämmrigen Schiffen in die lärmende Nüchternheit des Tages. Viele der Vorübergehenden zogen die Hüte, bekreuzigten sich oder beugten wohl auch die Knie. Mit einem Pack Federbetten kam ein molliges Frauchen vorbei. Während des langen Faschings war im Haushalt das Geld knapp geworden. Aber heute abends war ein Bürgerball. Und die Kirchenpforten waren der Schönen nicht umsonst aufgetan. Rasch trat sie ein, legte ihr Bündel auf die Steinfließen, kniete darauf und sprach andächtig ein Vaterunser. Dann setzte sie gestärkt ihren Weg zum Versatzamt fort.
Mit schlurfenden Schritten schob sich ein Bettler die Häuser entlang. In der Hand hielt er einen irdenen Topf mit schmutziggrauem Reisbrei, wie man ihn den Jagdhunden zum Fressen gibt. Den mochte ihm eine gutherzige Köchin geschenkt haben, und der Alte schaute mit verzückten Augen und wässerndem Mund auf seinen Schatz. Da war Karus blitzschnell, mit einem Satz, bei ihm und schlug den Scherben aus der zittrigen Hand: „Betteln, Schlappschwanz? Da! Jetzt friß!“
Der Mann winselte und bückte sich jammernd nach den Scherben. Fritz packte Karus am Arm: „Was heißt das?“ Und der gleichmütig darauf: „Sie sehen’s ja!“
Leute sammelten sich. Fritz zog die Börse. „Geben Sie ihm nichts!“ knurrte Karus. Hellwig schob ihn beiseite, drückte eine Münze in die verlangend aufgehobene Hand, schritt schnell davon.
„Wie konnten Sie das tun?“ sagte er. „Das war grausam!“
„Ach was, grausam!“ rief Karus zornig. „Verdient so einer was Besseres? He? — Verflucht, daß doch die Kerle mit Bettelsuppen und Küchenabfall zufrieden sind! Daß sie nicht fordern, was ihnen vorenthalten wird! Daß sie nicht wenigstens rauben und stehlen! Aber da stehen sie blödsinnig neben brechenden Tischen, verrecken vor Hunger und wagen nicht dreinzuhauen. Mit einem rechtschaffenen Knüttel oder meinethalben mit Pulver und Bomben! Pfui Schande und Feigheit!“